16.09.2014 22:05 Uhr

„Fußball ist wie eine Befreiung für mich“

Hazret Suljic-Delic (26) ist Athlet und spielt für das deutsche Fußballteam bei den Europäischen Spielen in Belgien. Das ist nicht selbstverständlich, denn eigentlich wurde er in Bosnien geboren. Die Fußballer haben bisher tolle Spiele abgeliefert - auch wenn das heutige Spiel gegen Russland 0:2 verloren ging - und der Zusammenhalt im Team ist riesengroß.

Das komplette Fußballteam - hier mit Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller - in Antwerpen. Foto: Luca Siermann

Hazret Suljic-Delic (3.v.l.) mit dem Fußballteam - hier mit Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller - in Antwerpen. Foto: Luca Siermann

„Ich habe schon einiges erlebt. Meine Mutter ist kurz nach der Geburt von mir gestorben“, erzählt Hazret traurig kurz nach dem Spiel. Auch sein Vater starb kurze Zeit später bei einem Autounfall. Er und sein Bruder kamen in ein bosnisches Kinderheim. Dort hat sich dann eine bosnische Familie aus Deutschland gemeldet und beide adoptiert. „Seitdem lebe ich in Deutschland.“

Er arbeitet in einer Werkstatt in Hannover, ist Zweiradmechaniker. Diesen Job macht er bereits seit vier Jahren. Täglich repariert er Fahrräder und Elektrobikes. „Ab und zu auch Motorräder“, erzählt er besonders stolz. In Deutschland fühlt er sich wohl: „Ich liebe Deutschland. Hier fühle ich mich zuhause. Ich bin gerne hier.“

„Fußball ist wie eine Befreiung“

Seine Augen leuchten, wenn er über Fußball spricht, von seinem Team und von seinem Trainer. Bereits mit sechs Jahren hat er angefangen, Fußball zu spielen. Später dann auch im Verein. „Fußball ist eine Befreiung für mich. Ich liebe diesen Sport“, schwärmt der Verteidiger. Beim Fußball kann Hazret seine Energie rauslassen, sich auspowern.

Seitdem er bei Special Olympics ist, im Team von Headcoach Ilias Symeonidis spielt, musste er sich umgewöhnen. Hier ist vieles anders, auch abseits des Platzes. Beispielsweise dauert ein Spiel bei den Europäischen Spielen keine 90-, sondern in der Gruppenphase nur 2x15 Minuten mit einer kurzen Pause. Es gibt kein Abseits, Einwürfe werden nicht geworfen, sondern geschossen und alle Spieler müssen mindestens zehn Minuten eingesetzt werden. „Ich finde die Regelung gut“, sagt er, aber manchmal würde er schon gerne länger spielen.

„Ja, wir sind wie eine Familie“

Noch viel wichtiger als das runde Leder ist ihm aber sein Team, seine Mannschaft. „Wir machen alles zusammen, sind wie eine Familie auf und neben dem Feld“, bemerkt Hazret. Headcoach Ilias bestätigt das: „Mir sind die Jungs total wichtig, auch privat. Sie können immer zu mir kommen, wir besprechen alles. Ja, wir sind wie eine Familie.“

Das komplette Team hat eine überragende Klassifizierungsrunde gespielt. Am ersten Tag feierten sie zwei 6:0- Siege, gegen Kroatien und Luxemburg. Am Tag zwei folgte ein Sieg gegen Portugal. „Wir profitieren ein bisschen von der WM. Deutschland ist Weltmeister und in aller Munde“, sagt Coach Ilias. Der Erfolg liegt aber vor allem am Teamgeist, denn jeder opfert sich für jeden auf, „geht sogar Wege für die Anderen, wenn jemand mal nicht hinterherkommt“, so Assistenztrainer Jannis Koock (22), der die Jungs seit August letzten Jahres kennt und begeistert ist.

Heute gegen Russland haben sie leider verloren. Schon in der Qualifizierungsrunde ging das Spiel gegen Russland verloren. „Beim ersten Tor heute war es die Zuordnung, beim 0:2 Endstand ist es eher die Kategorie Zufallstor,“ analysiert der Trainer, dessen Vorbilder Jürgen Klopp und auch der Ex-Mainzer Thomas Tuchel sind. An der Seitenline und bei den Ansprachen erkennt man, warum er genau diese zwei Trainer nennt.

„Hazret ist ein guter und lieber Junge“

Seinen Einsatz, seine flammenden Halbzeitansprachen und mutmachenden Worte nach der Niederlage schätzen auch seine Spieler: „Sogar den Geburtstag seines Sohnes hat er sausen lassen für die Reise nach Belgien“, sagt Athlet Nico Wessel (22). Die Niederlage arbeitet Headcoach Ilias und sein Trainerteam zusammen mit allen Fußballern auf und er lobt die Weiterentwicklung seiner Jungs, besonders von Hazret: „Hazret ist ein guter und lieber Junge. Er, aber auch alle anderen haben sich weiterentwickelt, sind viel ausgeglichener geworden, sind nicht mehr so aufbrausend.“

Morgen spielen Hazret Suljic-Delic und das Team gegen Portugal, den zweiten Gruppengegner. „Keine schlechte Mannschaft, wir werden sie nicht unterschätzen“, bringt es Pierre Falke (22) auf den Punkt. Sie können schon jetzt stolz sein. Das Team ist unter den Top Vier in Europa in der stärksten Leistungsklasse. 

Gemeinsam als Team, als Familie, werden sie es angehen. Denn gemeinsam haben sie schon viel erlebt und erreicht.


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