19.09.2014 09:39 Uhr

Oliver Burbach und Jörg Hader: Eine Unified Erfolgsgeschichte

Nach der Goldmedaille bei den Nationalen Spielen 2014 in Düsseldorf sicherte sich das Tischtennis Doppel Oliver Burbach und Unified Partner Jörg Hader am 3. Wettbewerbstag in Antwerpen die Silbermedaille. Dem vorausgegangen war ein Tischtenniskrimi gegen Russland.

Jörg Hader (links) und Oliver Burbach mit vollem Einsatz. Im Vordergrund ihr Trainer und Headcoach Thomas Gindra. Foto: Luca Siermann

Jörg Hader (links) und Oliver Burbach mit vollem Einsatz. Im Vordergrund ihr Trainer und Headcoach Thomas Gindra. Foto: Luca Siermann

Geschafft! Silber bei den Europäischen Spielen - Lohn für das Unified Doppel Burbach/Hader. Foto: Luca Siermann

Geschafft! Silber bei den Europäischen Spielen - Lohn für das Unified Doppel Burbach/Hader. Foto: Luca Siermann

Gemeinsam stehen sie für Unified Sport, Freundschaft und Talent. Wöchentlich in der 3. Kreisklasse und jetzt auch auf internationaler Bühne, bei den Europäischen Sommerspielen von Special Olympics in Antwerpen. 

„Es war das beste Spiel, das ich bei diesem Turnier gesehen habe! Ich bin stolz“, schwärmt Headcoach Thomas Gindra. Er meint das zweite Spiel am zweiten Wettbewerbstag von Jörg Hader (45) und Oliver Burbach (34) bei den Europäischen Sommerspielen. Nach einer Dreisatz-Niederlage im Auftakt gegen Ungarn ging es am Nachmittag gegen Russland. „Die Russen sind sehr sehr stark, technisch hoch versiert“, analysierte Headcoach Thomas Gindra.

Im Mai 2014 in Düsseldorf, als beide Gold gewannen, war Unified Tischtennis noch Demosportart, jetzt bei Europäischen Spielen in Belgien ist es eine feste Disziplin. „International liegt der Fokus beim Unified Sport jetzt auch auf Einzelsportarten. Wir haben dann entschieden, dass wir in diesem Bereich auch aktiver werden wollen“, berichtet Thomas Gindra, der auch Nationaler Koordinator von SOD im Tischtennis ist.

„Wir haben uns vor dem Sport kennengelernt“

Die Geschichte von Oliver Burbach und Jörg Hader beginnt Jahre früher in der Stadt Neuss in Nordrhein-Westfalen. „Wir haben uns lange vor dem Sport kennengelernt“, erinnert sich Oliver Burbach, der 1998 in die GWN-Werkstatt kam, die Gemeinnützige Werkstatt Neuss. „Die Betonung liegt auf gemein“, witzelt Jörg und lacht. Auch Olli ist gern zu ein paar Scherzen aufgelegt. Seit einem Jahr lebt er in Mönchengladbach in einer eigenen Wohnung. Der 34-jährige fährt selbständig jeden Morgen zum arbeiten in die Gärtnerei der Einrichtung. Dort arbeitet auch Jörg Hader seit 14 Jahren als Koch.

Im Jahr 2004 hat er zusätzlich eine Ausbildung als Fachkraft für Ausbildung und Berufsbildung behinderter Menschen absolviert. „Olli kam zu mir in die Küche“, erinnert sich der gebürtige Neusser. Später haben beide in der Einrichtung angefangen, Tischtennis zu spielen. Ab 2011 dann zusammen beim GWN Sport-Team e.V., einem Verein, der 2005, u.a. auf Initiative von Thomas Gindra, gegründet wurde.

„Es war die richtige Entscheidung“

In der 3. Kreisklasse sind sie das einzige Unified Doppel. Unified bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen Sport machen. „Bereits beim ersten Match 2011 war klar, dass es eine richtige Entscheidung war, beide als Team unter Wettkampfbedingungen spielen zu lassen“, sagt Thomas Gindra rückblickend. Der DJK Kleinenbroich wurde damals besiegt.

„Wir gewinnen nicht jedes Spiel. Es fehlt oft an Kontinuität. Ollis Leistung ist deutlich stärker tagesformabhängig als bei Menschen ohne geistige Behinderung“, analysiert Unified Partner Jörg. Die 3.Kreisklasse gehört zu ihrem Sportalltag, bei den Europäischen Sommerspielen 2014 in Antwerpen ist es erstmals die internationale Bühne, auf der sie gemeinsam agieren.

Gespielt wurden fünf Gewinnsätze gegen die Russen, „Best of five“. Die ersten beiden Sätze gingen verloren. Eine hohe Führung gaben sie aus der Hand, den ersten Satz verloren sie 17:19. „Aufregung und Nervosität“, sagt der Headcoach. Im zweiten Satz dann 7:11, aber mit einer Leistungssteigerung. „Die Russen waren nur noch einen Tick besser“, so Gindra.

„Verlieren ist sehr schade“

Die beiden kennen Niederlagen nur zu gut. „Wir bereiten uns immer sehr gut vor“, so Oliver Burbach. „Wenn wir verlieren, ist das sehr schade, aber aus Fehlern zu lernen ist wichtig“, ergänzt Jörg Hader. Tischtennis-Doppel ist vor allem Teamarbeit. Doch auch Talent gehört auch dazu, vor allem ein gutes Auge und Reaktionsschnelligkeit. Diese Eigenschaften bringen beide mit, auch Oliver Burbach. „Und das trotz seiner Halbseitenlähmung, die ihn beweglich einschränkt“, bemerkt Thomas Gindra, der auch der Heimtrainer der beiden ist und ebenfalls in der Einrichtung arbeitet.

„Gute Vorhand und schmettern“

Einfach ist es für Oliver Burbach nicht, insbesondere wenn die Bälle angeschnitten kommen. Doch diesem Handicap kann er etwas entgegensetzen: „Gute Vorhand und schmettern“, meint Jörg Hader, dessen Stärke ebenfalls die gute Vorhand ist. Ihr gemeinsamer Vorteil: „Jörg ist Rechts- und Oliver ist Linkshänder. Linkshänder sind selten und für viele Rechtshänder schwer zu spielen“, sagt der Headcoach. Beide stehen sich an der Platte dadurch nicht im Weg.

Nach den zwei verlorenen Sätzen zu Beginn mussten sie nun endlich ihre Stärken ausspielen. Und genauso passierte es. Die Russen wurden nach und nach nervös. Den dritten und vierten Satz entschieden sie 11:5 und 11:7. Jetzt war die Konzentration da und sie ließen die Russen konsequent nicht ins Spiel kommen.

„Oft fahre ich nur auf einem Rad“

Oliver Burbach ist sehr emotional, auch sehr temperamentvoll, während des Spiels und abseits des Sports. Er spielt auch gern Tennis und liest gern Bücher. Jörg liebt alles, was mit Bewegung zu tun hat, vor allem Geschwindigkeit. Er ist siet mehr als 25 Jahren begeisterter Motorradfahrer. „Oft fahre ich nur auf einem Rad, aber nur, wenn meine Frau nicht dabei ist“, sagt der Vater von zwei Kindern und fügt hinzu: „Geschwindigkeit ist keine Hexerei…“ Es gibt für ihn nichts schlimmeres, als irgendwo ruhig sitzen zu müssen.“ Beide verstehen sich sehr gut, sind Freunde. „Er ist total engagiert und hilft mir und den anderen in der Werkstatt sehr oft“, sagt Burbach.

Engagement war jetzt auch gefragt: Der Tischtenniskrimi ging in die entscheidende Runde, der fünfte Satz. Trotz hoher Konzentration lagen sie schnell mit 0:4 zurück. Nach einer Leistungssteigerung dann wieder der Dämpfer: 7:10 Rückstand, und es folgten drei Matchbälle für die Russen. Alle wurden abgewehrt. „Olli ist ein sehr dynamischer Spiele, will immer auf Angriff gehen“, sagt Thomas Gindra. Kurz vor dem Showdown gab es eine kurze Unterbrechung. Jörg Hader: „Es gab einen Lichtausfall in der Halle. Wir waren hochkonzentriert, total fixiert. Thomas hat uns nochmals Input gegeben und Ruhe reingebracht.“ Mit Erfolg. Fünf Punkte am Stück sicherten die Silbermedaille.

„Wir haben uns nicht zu knapp gefreut“

Rückblickend erzählt Jörg Hader: „Das 0:4 war schon ganz schön heftig. Nach dem Spiel ist einiges von mir abgefallen. Wir haben uns nicht zu knapp gefreut.“ Oliver Burbach nickt zustimmend: „Das war ein tolles Spiel. War echt gut.“ Headcoach Thomas Gindra wünscht sich weitere Unified Erfolgsgeschichten: „Man konnte hier spüren, dass das gemeinsame Spiel am Tisch ein Gewinn ist. Ich wünsche mir, dass sich in Deutschland viele Vereine und Einrichtungen trauen, sich auf den Unified Sport einzulassen.“

Das ist der Kern: Etwas neues, noch ungewöhnliches wagen und zusammen gewinnen.

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