17.09.2014 21:20 Uhr

Waldemar Riel: Mit dem Liegerad zu Bronze

Waldemar Riel (30) ist Athlet der deutschen Delegation bei den Europäischen Sommerspielen in Antwerpen. Durch seine Behinderung ist er in Bewegung und Sprachvermögen eingeschränkt. Bei den Europäischen Spielen erreichte er bisher sensationell Bronze beim Radzeitfahren über 1.000 Meter. Er beeindruckt vor allem durch seine lebensfrohe Art.

 

Glücklicher Gewinner der Bronzemedaille: Waldemar Riel. Foto: Luca Siermann

Glücklicher Gewinner der Bronzemedaille: Waldemar Riel. Foto: Luca Siermann

Waldemar in seinem Liegerad. Foto: Luca Siermann

Waldemar in seinem Liegerad. Foto: Luca Siermann

Weitere Fotos von Waldemar Riels Wettbewerb in der Fotogalerie Radsport.

Er weiß das Datum noch ganz genau: Am 5. Oktober 1999 ist Waldemar Riel (30) nach Deutschland gekommen. Zusammen mit seinen Eltern wohnt er seitdem in Kaufbeuren in Bayern. „Die Stadt im Allgäu gefällt mir sehr gut", erklärt Waldemar Riel. 

Ab und an fährt er nach Kasachstan in den Urlaub zu seiner Tante und seinem Onkel. Seine Urgroßeltern stammen aus Deutschland. Die haben sogar einen berühmten Namen. „Meine Uroma heißt Merkel mit Nachnamen“, sagt Riel und lacht. In Deutschland ist er zur Schule gegangen und hat sogar einen Hauptschulabschluss gemacht. „Ich mochte Mathe ganz gerne.“

Danach hat er eine Ausbildung zum Bürokaufmann im Berufsbildungswerk in Schwarzenbrück absolviert. „Ich lernte dort zum Beispiel Buchführung und Briefe schreiben“, erzählt der Athlet, der gern deutschen Hip Hop hört.

Dass er diese Ausbildung abschließen konnte, ist nicht selbstverständlich. Er hat von Geburt an eine infantile Zerebralparese, eine frühkindliche Hirnschädigung, die starke körperliche Beeinträchtigungen bewirkt.

„Kurze Strecken bis zu einem Kilometer kann ich ohne Hilfe laufen“, sagt er. Sonst ist er auf Hilfe angewiesen oder auf seinen Rollstuhl. Für ihn war es als Aussiedler und auch wegen seiner Beeinträchtigung nicht immer einfach in Deutschland. Durch die spastische Lähmung ist auch sein Sprachzentrum beeinträchtigt.

„Die meisten reagieren auf mich aber normal“, meint Waldemar Riel. Er hat aber auch schon schlechte Erfahrungen gemacht: „Ein Berufschullehrer sagte, wir haben keine Zeit zu warten, bis Du fertig geantwortet hast.“ Das hat ihn verletzt und er fühlte sich nicht akzeptiert.

Nach der Ausbildung suchte er zwei Jahre einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Leider ohne Erfolg, jetzt arbeitet er in den Allgäuer Werkstätten. Der gebürtige Kasache hat aber viele Freunde in ganz Deutschland verteilt, mit denen er gerne auf Facebook und Whatsapp kommuniziert. Die hat er vor allem im Berufsausbildungswerk in Schwarzenbrück kennengelernt. Ansonsten spielt er leidenschaftlich gerne Karten, Yugoih, ein Strategiespiel.

Und er ist sehr sportlich: „Mit dem Fahrradfahren habe ich in meiner Werkstatt in Kaufbeuren angefangen“, berichtet der lebensfrohe Athlet. Sein Fahrrad ist kein Dreirad, auch kein Therapiefahrad. Darauf besteht Riel. Es hat drei Räder, aber es ist ein Liegerad. „Meine Eltern haben es mir zum Geburtstag geschenkt“, bemerkt er. Das Liegerad ist sehr teuer und hat 20 Gänge. Ungefähr 4000 Euro kostet dieses Modell. Beim Liegeradfahren kommt es auf die Beinarbeit an. Normale Geschwindigkeiten liegen bei 22 km/h. Er schafft bis zu 30 km/h.

Waldemar Riel ist bei Special Olympics seit den Nationalen Spielen 2012 in München aktiv. „Hier in Belgien ist es schön, insbesondere die Eröffnungsfeier. Als die Flamme angezündet wurde, das war der Hammer“, erinnert er sich. Am Dienstag ging er im 1.000 Meter Zeifahren an den Start. Für die 1.000 Meter brauchte er 2:34 Minuten, war neun Sekunden schneller als in der Qualifikation. „Ich habe mein Bestes gegeben. Die anderen waren nur ein paar Sekunden schneller.“ Die Konkurrenz in seiner Leistungsgruppe war aber auf dem Fahrrad unterwegs.

Seine Augen strahlen, wenn er von dem Moment der Siegerehrung spricht: „Ich bin so glücklich darüber, dass ich der erste Liegeradfahrer aus Deutschland bin, der bei internationalen Special Olympics Wettbewerben angetreten ist.“ Bei der Siegerehrung wurde es sehr emotional. „Wir haben gedacht, dass er auf dem Podest im Rollstuhl geehrt wird“, erzählt Athletin Melanie Göpfert (24). Waldemar Riel überraschte alle, betrat selbst das Podest und übernahm stehend die Medaille.

„Es war ein bewegender Moment, anhaltender Applaus“, sagt Headcoach Reinhard Morys noch sichtlich bewegt. Morgen und am Freitag hat Waldemar Riel weitere Medaillenchancen. Morgen im 2.000 Meter Zeitfahren, am Freitag geht er über 500 Meter an den Start. Morgen hat er sogar kasachische Konkurrenz. „Ich gebe 100 Prozent für Deutschland und hoffe auf Silber", merkt er überzeugt an. Headcoach Morys ist überzeugt: „Nach der Bronzemedaille traue ich ihm alles zu.“

Wir berichten täglich mit Tageszusammenfassungen der Deutschen Delegation von den Special Olympics European Summer Games Antwerp 2014, auch mit Hintergrundberichten und über eine tägliche Fokussportart.

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Berichterstattung (englisch) von Special Olympics Europe/Eurasia (SOEE)

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