Der Verband im Umbruch - Brigitte Lehnert (Teil 1)

Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

Im Frühjahr 2001 erhielt ich den Anruf meines guten Freundes Uwe Redler, der in den USA als Dozent an der Harvard University tätig war. Er hatte die Kennedy-Familie kennengelernt und war gebeten worden, als Delegierter von Special Olympics International (SOI) die Zukunftsentwicklung von SOD zu unterstützen. Nach 10 Jahren Aufbauarbeit war man wohl der Ansicht, dass für eine erfolgreiche Weiterentwicklung von Special Olympics in Deutschland nunmehr professionelle Strategien zur Zukunftssicherung insbesondere im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit erforderlich wären. Er hat mich einfach gefragt, ob ich dabei nicht helfen könnte, denn dort lagen meine beruflichen Schwerpunkte als Unternehmensberaterin. Ich habe ja gesagt, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, was auf mich zukommen würde. Denn ich muss gestehen, dass ich bis dahin von Special Olympics wie so viele nichts gehört hatte, obgleich ich seitens meiner Familie den Umgang mit behinderten Menschen durchaus kannte.
Vom ersten Tag an hat mich die Arbeit für Special Olympics fasziniert. Das hatte mir übrigens Professor Kapustin, der erste Präsident von SOD, gleich bei unserem ersten Treffen im Sommer 2001 prophezeit: „Das Virus Special Olympics wird dich packen und nicht mehr loslassen.“ So ist es gekommen!

Von 2001 bis 2005 - was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Die Finanzen und die Struktur des Vereins waren von Anfang an das beherrschende Thema.
Das Präsidium wurde Ende 2001 umstrukturiert (damals noch aufgeteilt in Präsidium und Vorstand) und die Aufgaben der einzelnen Mitglieder klar verteilt, um angesichts der wichtigen Zukunftsaufgaben und auch des wirklich sehr begrenzten Hauptamtes schlagkräftig zu sein. Außerdem waren die Vorbereitungen für die Sommerspiele 2002 in Frankfurt in vollem Gange und die finanziellen und personellen Herausforderungen waren enorm.
Ich habe mich zunächst vorrangig – auch erfolgreich - um die Finanzakquise gekümmert, und ab 2003 habe ich mich als geschäftsführende Vizepräsidentin verstärkt in die gesamte Operative eingebracht.
Großen Rückhalt hat SOD in dieser Zeit durch ABB erhalten. Die Unterstützung bezog sich nicht nur auf Sponsorenleistungen, die kontinuierlich aufgestockt und vertraglich nachhaltig abgesichert wurden, sondern auch auf Hilfe beim Aufbau der Öffentlichkeitsarbeit und die Zusammenarbeit mit diversen Dienstleistern sowie auf umfangreiche personelle und fachliche Expertise.

Was waren Meilensteine in dieser Zeit, die SOD vorangebracht haben?

Aus meiner Sicht waren es vor allem die Veranstaltungen und die damit einhergehende immer besser werdende Bekanntheit und Akzeptanz, die SOD vorangebracht haben - insbesondere auch, was die Attraktivität für potentielle Sponsoren und Förderer anbelangt.
Ich nenne die Sommerspiele 2002 in Frankfurt, die zwar finanziell „suboptimal“ gelaufen waren, aber doch sehr viel in Richtung Öffentlichkeit bewirkt haben. Dann die Winterspiele 2003 im Allgäu, die erstmals ein finanzielles Plus in die Kassen spülten. Es kamen wichtige Teilnahmen von SOD-Athleten bei internationalen und überregionalen Veranstaltungen hinzu – die Cyclassics in Hamburg, der Torch Run zu den Weltspielen 2003, Europäische Fußballwochen, um nur einige zu nennen.
Und dann die Sommerspiele 2004 in Hamburg, die ich persönlich als Meilenstein in der Organisation und der öffentlichen Wahrnehmung von Special Olympics und den  Athletinnen und Athleten in Deutschland betrachte. Und das nicht, weil ich sie von Anfang an mitgestalten konnte, sondern weil hier ein neuer Qualitätsgrad und –standard erreicht wurde, der für die zukünftigen Spiele als Maßstab gelten konnte.
Auch dass Tim Shriver zum ersten und bisher auch einzigen Mal zu Nationalen Spielen nach Deutschland kam war ein deutliches Zeichen für die Bedeutung, die SOI Special Olympics in Deutschland zugemessen hat.

Daraus entwickelte sich natürlich auch ein steigendes Selbstbewusstsein aller Akteure, das sich zunehmend in der Behauptung gegenüber anderen Verbänden und Institutionen zeigte. Denn die Notwendigkeit der Regionalisierung war längst erkannt und von Anfang an ein definiertes Ziel, auch wenn es gerade in diesem Punkt sehr viel Widerstände zu überwinden galt.

Mit welchen Problemen mussten Sie sich vor allem auseinandersetzen?

Die Probleme oder besser gesagt, die Herausforderungen waren in dieser Zeit mehr oder weniger immer die gleichen: Finanzen, Personalmangel, überverbandliche Querelen, aber auch interne Abstimmungs- und Kompetenzunstimmigkeiten. Dazu sehr deutliche Forderungen seitens SOI in Bezug auf die Vereinsführung.

Wie kam es zur Verbandskrise 2005, als sogar eine evtl. Neugründung von SOD im Raum stand?

Eigentlich war SOD auf einem sehr guten Weg, insbesondere nach den sehr positiven Entwicklungen nach den Winterspielen 2003 und den Sommerspielen 2004. Ausschlaggebend für die existenzbedrohende Krisensituation waren strukturelle Fehlentwicklungen, die sich zum einen aus der Vergangenheit unterschwellig summiert hatten, zum anderen durch nicht abgestimmte Entscheidungen in Bezug auf externe Berater entstanden - mit fatalen Auswirkungen auf den Verein.
Es fällt mir rückblickend immer noch schwer, die aufreibende Krisenbewältigungsarbeit der folgenden Monate bis Ende 2005 zu beschreiben. Als Vorsitzende des Präsidiums hat mir die Aufarbeitung der Dinge, die den Verein finanziell, personell und organisatorisch so schwer belastet haben (Innenrevision, endlose Sitzungen mit unserer Anwaltskanzlei, die Sorge um die Zukunft von SOD und das Bestreben, es richtig zu machen) eine große persönliche und auch emotionale Kraftanstrengung abverlangt. Aber am Ende war es gemeinsam gelungen, einen konsequenten, guten und glaubwürdigen Neuanfang für Special Olympics in Deutschland auf den Weg zu bringen.
Ich habe die Mitgliederversammlung am 19. November 2005 in Essen in einem ausführlichen Bericht über alle Hintergründe und notwendigen Schritte informiert und Rede und Antwort gestanden, denn diese kritische Phase hat natürlich bundesweit für Unruhe gesorgt. Zur Erinnerung an dieser Stelle noch einmal die wesentlichen Entscheidungen und Weichenstellungen, die heute die Grundsteine für die Neugestaltung von SOD sind:
Die Geschäftsstelle von SOD in Würzburg wurde zum1. Oktober 2005 komplett aufgelöst und nach Berlin verlegt
Es wurde ein neues unbelastetes Präsidium mit Gernot Mittler als neuem Präsidenten gewählt.
Thomas Reinecke wurde neuer Bundesgeschäftsführer, Sven Albrecht nationaler Sportkoordinator, zwei zusätzliche Mitarbeiter konnten eingestellt werden.
Die Finanzen waren durch verbindliche Zusagen von Sponsoren und institutionellen Förderern gesichert.



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