Der Verband im Umbruch - Erwin Görgen (Teil 1)

Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

1979 begann ich als junger Betriebswirt aus der freien Wirtschaft kommend eine Tätigkeit als Geschäftsführer in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Gerolstein. Ich hatte keinerlei Erfahrungen im Umgang mit geistig behinderten Menschen.

Ich erkannte aber sehr schnell, dass Menschen mit geistiger Behinderung zwar Defizite haben, aber hoch motivierte, arbeitswillige, ehrliche und sympathische Menschen sind, die aufgrund ihrer Beeinträchtigungen auf unsere Unterstützung angewiesen sind. 

Zwar war die Verständigung zu Beginn nicht immer einfach, davon abgesehen aber wollten diese jungen Erwachsenen arbeiten, genauso wie ihr Bruder oder ihre Schwester ohne Behinderung. Und sie wollten auch Geld verdienen. Die erste Aushändigung der Lohntüten, wenn auch mit sehr spärlichem Inhalt, wird mir immer unvergessen bleiben. Die Freude in den Gesichtern war unbeschreiblich: Sie bekamen Lohn für etwas, wofür sie gearbeitet hatten.

Sport war fester Bestandteil unserer Werkstattarbeit. Beim Bau des ersten Zweigbetriebes bei Bitburg in den 80er Jahren ist es uns gelungen, zusammen mit der Gemeinde eine gemeinsame Turnhalle direkt an die Werkstatt zu bauen. Dies war nicht nur ein Modellprojekt mit einem großen integrativen Aspekt, sondern eröffnete uns auch optimale Möglichkeiten, permanent Sport mit unseren geistig behinderten Mitarbeitern zu betreiben.

Durch unseren stellvertretenden Verwaltungsratsvorsitzenden und Sonderschulrektor Karl-Heinz Thommes war mir Special Olympics schon Mitte der 80er Jahre ein Begriff. Wer Karl-Heinz Thommes kennt, weiß, mit welchem Engagement und welcher Leidenschaft er sich für diese olympische Idee aus den USA für Menschen mit geistiger Behinderung einsetzte. Er war derjenige, der mich von dieser Idee inspirierte und begeisterte.

Hinzu kam, dass Entlassschüler aus der von Karl-Heinz Thommes geleiteten Helen-Keller-Schule von ihren Erlebnissen bei den Europäischen Special Olympics Spielen in Brüssel und den World Games 1983 in Baton Rouge (USA) begeistert berichteten. Für meine Einrichtung war es dann auch eine Selbstverständlichkeit, dass unsere Einrichtung direkt nach der Gründung von SOD Mitglied wurde und wir uns an allen Sportaktivitäten beteiligten.

Ich selbst hatte erstmals die Gelegenheit, mit acht Athletinnen und Athleten aus meiner Einrichtung an den Europäischen Sommerspielen vom 9. bis 13.10.1992 in Barcelona teilzunehmen. Es waren neue, unbeschreibliche und bleibende Eindrücke: Athleten mit Behinderung, die sich in ihren sportlichen Leistungen selbst übertrafen; die ergreifende Freude bei der Siegerehrung; die positive Veränderung und das neue Selbstwertgefühl der Athleten; bei der Rückkehr plötzlich im Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stehen und als Helden gefeiert zu werden.

Die Begeisterung, in unserer Einrichtung Sport zu betreiben, wuchs rasant. Viele wollten plötzlich bei Special Olympics Veranstaltungen mit dabei sein. Zu bemerken ist, dass wir hervorragende und hochmotivierte Sportlehrer/innen hatten, die neben ihrer Tätigkeit in unserer Einrichtung sich auch als Coach bzw. Headchoach beim Aufbau von SOD engagierten und z. T. auch heute noch mit dabei sind.

Für mich als Geschäftsführer war es selbstverständlich, den jungen Verein Special Olympics Deutschland im Rahmen der Möglichkeiten einer Werkstatt für Behinderte auf allen Ebenen zu unterstützen. 1997 war ich als Begleiter der Sportler aus meiner Einrichtung mit bei den Weltwinterspielen in Toronto. Hier hatte ich erstmals Kontakt zu den Shrivers. Auch die vielen Begegnungen und Gespräche mit Menschen aus aller Welt, die sich schon viele Jahre in der SO Bewegung engagieren und ehrenamtlich tätig sind, machten mir sehr deutlich, dass wir in Deutschland noch in den Anfängen waren. Da waren kleinere Länder schon viel, viel weiter. In meiner Eigenschaft als Werkstattleiter habe ich fortan bei Landes- und Bundeskongressen der Werkstätten für die Mitgliedschaft bei Special Olympics geworben.

Auch bei meiner Teilnahme an den Weltwinterspielen 2001 in Alaska wurde mir bewusst, dass Special Olympics Deutschland noch nicht viel weiter gekommen ist.
In einem auf Wunsch von Prof. Walter Tröger (Präsident NOK und IOC Mitglied) anberaumten Termin, an dem Prof. Kapustin (Präsident SOD), Karl-Heinz Thommes,(Vizepräsident SOD) eine Vertreterin von OTIS (Hauptsponsor) und ich teilgenommen haben, wurde die Situation in Deutschland sehr eingehend erörtert und z.T auch sehr kritisch diskutiert.Tröger sah für eine erfolgreiche Zukunft von Special Olympics in Deutschland nur den Weg in die Regionalisierung, d.h. neben dem Bundesverband auch Landesverbände zu gründen.

Kurz vor Ende meiner beruflichen Tätigkeit in den Westeifel Werken entschloss ich mich, 2003 für das Präsidium von SOD zu kandidieren.

Von 2003 bis 2005 - was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Meine klaren Vorstellungen lagen darin begründet, den Verein weiter auszubauen, um noch mehr Menschen mit einer geistigen Behinderung in den Sport von Special Olympics einzubinden.
Dies war aber nur durch eine Regionalisierung, d.h. Gründung von Landesverbänden, möglich. Obwohl bestimmte Kräfte im Präsidium dies unter allen Umständen zu verhindern versuchten, wurde dann doch Ende 2003 die Satzung dahingehend geändert, dass Landesverbände gegründet werden konnten.
Mir fiel im Präsidium dann auch die Aufgabe zu, die Regionalisierung zu unterstützen und zu begleiten.

So wurden dann am

  • 14.12.2003 SO Nordrhein Westfalen
  • 17.01.2004 SO Rheinland-Pfalz
  • 31.03.2004 SO Thüringen
  • 23.04.2004 SO Bayern
  • 25.10.2004 SO Baden Württemberg
  • 14.12.2004 SO Hamburg und SO Schleswig-Holstein
  • 17.06.2005 SO Sachsen
  • 07.03.2006 SO Hessen
  • 24.07.2006 SO Berlin, seit 2011 zusammen mit Brandenburg
  • 23.10.2006 SO Niedersachsen
  • 15.11.2007 SO Saarland
  • 13.02.2008 SO Bremen
  • 05.09.2013 SO Sachsen-Anhalt
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gegründet.



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