Der Verband im Umbruch - Erwin Görgen (Teil 3)

Wie wurden in dieser Zeit in Ihrem Umfeld Menschen mit geistiger Behinderung wahrgenommen? Und wie Special Olympics?

1979 habe ich als Geschäftsführer in einer Behindertenwerkstatt in der Eifel begonnen. Zu diesem Zeitpunkt war die Existenz geistig behinderter Menschen noch wenig bekannt. Eine permanente Öffentlichkeitsarbeit gehörte zu einer unserer Kernaufgaben.
Durch den jährlichen Tag der offenen Tür konnten wir unsere Arbeit einem breiten Publikum präsentieren. Mitte der 80er Jahre kannte fast jeder in unserer Eifelregion die Westeifel Werkstätten mit ihren behinderten Mitarbeitern.

Ich hatte anfangs berichtet, dass wir uns als Werkstatt schon sehr früh an den Veranstaltungen von Special Olympics, sowohl international als national, beteiligt haben. Über die Erfolge haben wir natürlich sehr umfangreich in den Medien berichtet. In den Anfängen mussten wir immer wieder den Unterschied zwischen „Paralympics“ und „Special Olympics“ erklären. Natürlich haben die vielen Aktivitäten von Karl-Heinz Thommes zu einem hohen Bekanntheitsgrad von Special Olympics in unserer Region beigetragen.

Sie haben damals viel mit prominenten Unterstützern/Testimonials zusammengearbeitet. Wen möchten Sie erwähnen?

Persönlich hatte ich Kontakt zu Markus Wasmeier. Neben seinen Patenschaften bei Sportveranstaltung hatte er im Juni 2005 zusammen mit der Firma Rathlon ein Benefizradeln zu Gunsten von SOD vom Schliersee bis zum Nürburgring durchgeführt. Der Erlös von 30.000 € hat uns besonders im Krisenjahr 2005 sehr gut getan.

Gab es damals schon, in welcher Form auch immer, eine Zusammenarbeit von SOD bzw. Einrichtungen mit dem sog. organisierten Sport?

Aus meinem Bundesland Rheinland-Pfalz gab es seit jeher eine gute Zusammenarbeit mit dem DBS. Es wurde in jährlicher Abwechslung gemeinsame Veranstaltungen durchgeführt.

Karl-Heinz Thommes (links) und die SOD-Vizepräsidenten Erwin Görgen und Detlef Parr (rechts) freuen sich mit Christian Pohler über seinen 1. Platz im Roller Skating bei den Europäischen Spielen 2010 in Warschau. (Foto: SOD/Luca Siermann)
Karl-Heinz Thommes (links) und die SOD-Vizepräsidenten Erwin Görgen und Detlef Parr (rechts) freuen sich mit Christian Pohler über seinen 1. Platz im Roller Skating bei den Europäischen Spielen 2010 in Warschau. (Foto: SOD/Luca Siermann)

Haben Sie eine besondere Begebenheit, Anekdote, Erinnerung aus diesen Jahren, die Sie gern erzählen möchten?

Mit Karl-Heinz Thommes war ich auch schon vor meiner Präsidiumszeit auf vielen internationalen Veranstaltungen. Karl-Heinz hatte immer das Problem, dass er seinen Ausweis nicht dabei hatte. So waren wir beide dann auch 1997 zu den europäischen Sommerspielen in Athen. Am Flughafen in Athen bekamen wir einen Mietwagen. Eine junge SO Hostess lotste uns zum Veranstaltungszentrum. Wir hatten aber den rasanten Fahrstiel unserer Lotsin unterschätzt. Sie fuhr mit hoher Geschwindigkeit vor uns her und ich hatte als Fahrer große Mühe, hinter ihr zu bleiben.

Als sie dann in hohem Tempo bei gelb über die Kreuzung fuhr, hatte ich nur die Wahl ihr zu folgen oder sie zu verlieren. Ohne Widerspruch von Karl-Heinz folgte ich der Dame, obwohl die Ampel schon von gelb auf rot gewechselt hatte. Mitten auf der Kreuzung gab es dann einen fürchterlichen Knall. Ein Auto hatte uns an der rechten vorderen Seite voll erwischt. Im Nu war die Kreuzung voll von hupenden Autos und schimpfenden Menschen. Unsere Hostess hatte glücklicherweise den Vorfall im Rückspiegel gemerkt und angehalten. Sehr bald waren auch zwei Polizisten auf Motorrädern an der Unfallstelle. Nach der Inaugenscheinnahme des Unfalls erklärten sie sich für nicht zuständig. Also mussten wir warten bis die für solche Schäden zuständige Polizei im Jeep kam.

Zu erwähnen ist noch, dass bei dem riesen Rummel auf der Kreuzung Karl-Heinz sich nicht aus dem Auto traute. Er meinte, dass sollte ich schon alleine machen. Ohne große Befragung wurde der Unfall auf zwei Schmierzettel handschriftlich für jeden Unfallbeteiligten aufgenommen. Das wars auch schon. Die Polizisten halfen uns noch den rechten Kotflügel zurecht zu biegen, damit wir weiterfahren konnten.

Nach der Akkreditierung fuhren wir dann ins Olympische Dorf zu den Athleten nach Marathon. Als besondere Gäste bekamen wir beide dann im Olympischen Dorf einen für die Verhältnisse sehr komfortablen Offiziersbungalow zugeteilt, den wir dann auch am späten Abend bezogen. Leider hatte diese Herberge den Nachteil, dass auf dem Boden etwa 2 bis 3 cm das Wasser stand, das aus einem Rohrbruch im Badezimmer kam. Aus welchen Gründen auch immer konnte der Schaden während unseres Aufenthaltes nicht behoben werden.
Noch dramatischer gestaltete sich unsere Rückreise. Nach der Abschlussfeier konnte Karl-Heinz sich noch nicht entschließen, mit mir nach Hause zu gehen. Da wir morgens schon um 5 Uhr mit unserem zerbeulten Mietwagen zum Flughafen mussten, habe ich ihm noch gesagt, dass er bevor er ins Bett geht seine Sachen noch packt und vor allem seinen Ausweis parat legt. Wann er nach Haus kam weiß ich nicht. Jedenfalls musste ich ihn wecken. Die Zeit war schon knapp. Karl Heinz hatte dann die Aufgabe nach den Schildern zum Flughafen zu schauen. Wir kamen auch ohne Probleme sehr schnell an, mussten dann aber feststellen, dass es der falsche Airport war. Athen hat nämlich zwei Flughäfen, einen Nationalen und einen Internationalen. Und wir waren auf dem „Nationalen“.

Jetzt wurde es aber zeitlich sehr eng. Mit Karl-Heinz als Navigator hätten wir es sicherlich nicht mehr geschafft. Also heuerten wir ein Taxi an, das dann in hohem Tempo vor uns her zum internationalen Flughafen fuhr. Trotz der negativen Erfahrungen mit einem Lotsendienst auf der Hinreise, blieb uns keine andere Wahl. Es klappte tatsächlich. Da die Mietwagenstation (Gott sei Dank) noch geschlossen hatte, haben wir den „Unfallwagen“ einfach vors Tor abgestellt. Wir hatten noch 15 Minuten.

Am Check-in sah ich dann hinter mir das Karl-Heinz seinen Koffer total ausgepackt hatte. Mir schwante nichts Gutes. Bevor ich dann durch die Absperrung ging, bin ich zu Karl-Heinz und habe mich mit Handschlag von ihm verabschiedet, mit den Worten: „Mach‘s gut, melde Dich wenn du zu Hause bist“. Ich saß im Flugzeug, -neben mir ein leerer Platz- und wartete auf den Abflug. Es waren schon 15 Minuten über die Abflugzeit und keiner wusste, warum der Flieger sich nicht in Bewegung setzte. Aus dem Fenster sah ich dann nach etwa 25 Minuten einen Militärjeep, der zu unserm Flugzeug fuhr. Ich traute meinen Augen nicht, als Karl-Heinz ausstieg und von einer Stewardess in Empfang genommen und an Bord gebracht wurde.

Strahlend und schweigend setzte er sich auf den freien Platz neben mich. Auf die Frage wie er das ohne Reisepass geschafft hat meinte er: „Nachdem mir bewusst war, das  mein Personalausweis noch auf dem Schrank in unserer Unterkunft lag, habe ich mit allen Mitteln versucht mich mit meiner SO-Akkreditierungskarte und mit meiner SO-Jacke und Mütze mit vielen internationalen Pins, auszuweisen“. Was die Militärs letztendlich bewogen hat, ihn zum Flieger zu bringen (abzuschieben) wurde nie geklärt. Wie so vieles in seiner SO-Geschichte, war ihm auch dieses hervorragend gelungen.

Zu Hause angekommen, bemerkte ich, dass sich in meiner SOD Jacke noch der Autoschlüssel befand. Den habe ich ohne Kommentar an die Mietwagenstation geschickt. Von unserm spektakulären Unfall habe ich nie wieder etwas gehört. Karl-Heinz’ Reisepass hat dann ein Coach aus den Westeifel Werken mit nach Hause gebracht.
Es gibt noch sehr viele schöne Begebenheiten über die man berichten könnte, aber Athen 1997 war eine Verkettung von vielen besonderen Ereignissen.

Gibt es Athletinnen/Athleten in Ihrem Umfeld, die Ihnen aus dieser Zeit in besonderer Erinnerung geblieben sind (und vielleicht immer noch aktiv sind)?

Ja, es gibt wahnsinnig viele, die man im Laufe der Jahre bei nationalen und internationalen Veranstaltungen kennen gelernt hat und die einem ans Herz gewachsen sind. Für mich war es immer eine große Freude, wenn man sich bei Veranstaltungen traf und als Freund begrüßt wurde. Bei den Athleten zu sein und sich mit ihnen über die Erfolge zu freuen, gehörte zu meinen schönsten Erlebnissen.
Das gab mir immer wieder Ansporn, mich für die großartige Idee von Special  Olympics einzusetzen.

Wenn Sie heute zurückblicken auf diese Jahre – was ist für Sie der größte Erfolg in der Entwicklung von SOD, was macht Sie vielleicht persönlich stolz, weil Sie wesentlich daran beteiligt waren/sind?

Die Tatsache, dass wir in der Bündelung aller Kräfte auf Bundesebene Mitglied im DOSB wurden und unsere SO Landesverbände in die Landessportverbänden aufgenommen wurden war ein gewaltiger Durchbruch, ja sicherlich der größte Meilenstein in unserer 25-jährigen SOD Geschichte. Auch die Kontinuität in der Besetzung des Präsidiums in der letzten Periode hat SOD weiter nach vorn gebracht. Den Athletensprecher ins Präsidium zu kooptieren und in der nächsten Präsidiumswahl als vollwertiges Mitglied zu wählen, ist auch im Sinne des Inklusionsgedanken eine richtige und gute Entscheidung. Den geistig behinderten Menschen mit seinen Bedürfnissen, Wünschen, Vorlieben und Abneigungen erst nehmen, bedeutet, dass man ihn auch in Entscheidungsprozesse einbindet.

Was unsere Arbeit im Besonderen auszeichnet und prägt, ist das große ehrenamtliche Engagement der vielen Coaches, Heachoaches, Volunteers und freiwilligen Helfer, aber auch die hochmotivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Bundes- und in den Landesgeschäftsstellen sowie in den Orgateams der Nationalen Spiele.

Heute blicke ich mit Stolz und großer Genugtuung auf das Erreichte zurück. Mit mehr als 1.100 Mitgliedern, mehr als 40.000 Athletinnen und Athleten die wir erreichen und mit jährlich mehr als 220 flächendeckende Sportangeboten sind wir sehr gut für die künftige Weiterentwicklung aufgestellt. Unser Fokus muss sich auch in Zukunft noch mehr und verstärkt auf die Arbeit in den SO Landesverbände konzentrieren. Denn nur über gut und professionell geführte Landesverbände erreichen wir die geistig behinderten Athleten in den Einrichtungen. Dabei sollte die Zahl „100.000“ der nach den SO Regeln sporttreibenden Athletinnen und Athleten in Deutschland keine Utopie sein.

Ich bin froh und dankbar, dass ich in dieser großartigen „Special Olympics Familie“ im Team von vielen Freundinnen und Freunde mitarbeiten durfte. Werde auch weiterhin als Mitglied von SO RLP die Arbeit unseres Verbandes unterstützen.
Special Olympics Deutschland wünsche ich für die Zukunft weiterhin alles Gute und eine gedeihliche und stetige Weiterentwicklung zum Wohle geistig behinderter Menschen.



© Special Olympics Deutschland e.V.   |   Website von Kombinat Berlin