Die Anfänge - Teil 1

Karl-Heinz Thommes, Jahrgang 1938, Förderschulrektor i. R., Vorsitzender von SO Rheinland-Pfalz, Gründungsmitglied von Special Olympics Deutschland, hat sich schon seit den 70er Jahren in seiner Heimatregion in der Eifel für den Sport für Menschen mit geistiger Behinderung engagiert. Für die Gründung und Entwicklung von SOD war der engagierte Pädagoge eine der prägendsten Persönlichkeiten überhaupt, seit der Gründung 1991 bis 2003 im Präsidium, zeitweise als Stellvertreter, zeitweise als Schatzmeister, dazu mehrere Male Delegationsleiter bei Welt- und Europäischen Spielen. Weiterhin war er OK-Vorsitzender bei den Nationalen Spielen in Stuttgart 1998, Berlin 2000 und Frankfurt 2002.

Dr. Bernhard Conrads, Erster Vizepräsident Special Olympics Deutschland (Foto: SOD/Stefan Holtzem)

Dr. Bernhard Conrads, Jahrgang 1944, Erster Vizepräsident von SOD, wesentlicher Mit-Initiator der Gründung von SOD. Der Diplom-Kaufmann war viele Jahre lang hauptberuflich Bundesgeschäftsführer der Bundesvereinigung Lebenshilfe sowie ehrenamtlich Vorstands- und Kuratoriumsmitglied der “Aktion Mensch“ und hat für die Anerkennung und für die Rechte von Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland wesentliche Entwicklungen mit vorangebracht. Er ist heute ein bundesweit gefragter Experte zum Thema Inklusion und zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Dem Präsidium von SOD gehört er seit 2005 an.

Gernot Buhrt, Jahrgang 1962, ist Gründungsmitglied von SOD und gehörte dem SOD-Präsidium von der Gründung bis 2005 an, zuletzt als Vizepräsident für Sport. In dieser Funktion wirkte er an der Organisation aller Nationalen Sommerspiele zwischen 1998 – 2006 mit. Er hat den Landesverband Special Olympics Berlin-Brandenburg, den Bundesverband und den Behindertensport in Berlin mit geprägt und viel dafür getan,  Athletinnen und Athleten immer wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Dafür ist er hoch geachtet und wurde mehrfach für sein herausragendes Engagement für den Sport für Menschen mit geistiger Behinderung geehrt. Viele Special Olympics Veranstaltungen in Berlin werden auch heute von ihm organisiert, außerdem ist er als Trainer für Special Olympics Athleten aktiv.


Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

Karl-Heinz Thommes: 1980 fragte die Lebenshilfe bei mir an, ob ich mit Schülern an den 1. Europäischen Spielen von Special Olympics in Nivelles in Belgien im Juni 1981 teilnehmen könnte, wir fuhren dann mit insgesamt 20 Sportlern und acht Begleitpersonen zu den Spielen. Die Eröffnungsfeier war ein unvergessliches Erlebnis gerade für unsere behinderten Sportler, denn so etwas hatten sie noch nie erlebt. Die Wettbewerbe waren ebenso neu und faszinierend, da jeder die Chance hatte zu gewinnen. Gerade dieses System war es, was mich nicht mehr losließ, da wirklich alle Sportler hier mitmachen konnten. Die feierliche Abschlussfeier rundete das Gesamtbild positiv ab. Die ersten internationalen Kontakte waren nun geknüpft.

1983 habe ich dann mit 20 Athletinnen und Athleten teilgenommen und danach jährlich die belgischen Special Olympics Spiele besucht. 1983 nahm ich auch mit Athleten an den Weltspielen in Baton Rouge in den USA teil, ebenso 1985 an den 2. Europäischen Spielen in Glasgow.

Bernhard Conrads: Als Bereichsleiter bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe in Marburg – zuständig für Kommunikation – rückte Special Olympics schon in den frühen 80er Jahren in mein Blickfeld – insbesondere über die LEBENSHILFEZEITUNG, die über die Teilnahme von Sportlerinnen und Sportlern aus den Reihen der Lebenshilfe an Weltspielen (z.B. Baton Rouge) oder Europäischen Spielen (Glasgow) berichtete.

Gernot Buhrt: Ich habe erstmals im April 1990 von Special Olympics erfahren. Nach der Wende 1989 schaute ich mich wie viele andere Trainer aus dem DDR -Leistungssport nach einer neuen Arbeit mit Perspektive um. Das damalige Rehabilitationszentrum Berlin-Lichtenberg suchte einen Sportpädagogen, der ihnen einen Sportbereich für Menschen mit geistiger Behinderung in Lichtenberg aufbauen und das erste offizielle Sportfest nach Special Olympics Konzept/Reglement in Berlin und der DDR organisieren sollte. Dieses fand dann -  mit ca. 550 Teilnehmern in fünf Sportarten - fünf Tage vor der Wiedervereinigung und unter offizieller Beobachtung einer Delegation von SOI und SOEE am 27./28.09.1990 im FEZ Wuhlheide statt. (» zur Geschichte dieses Sportfestes, den Special Olympics Berlin)

Mein neuer Arbeitgeber und in Persona dessen Leiter Helmut Siebert hatte bereits Mitte der achtziger Jahre von Special Olympics gehört und nach einer ersten Teilnahme mit Berliner Sportlern an einer SO Veranstaltung in Warschau 1988 Kontakt mit SO International aufgenommen.
Da die  Sportführung der DDR ein Special Olympics Projekt nicht unterstützen wollte, haben Helmut Siebert und das Rehab.zentrum Berlin-Lichtenberg (heute Stiftung Rehabilitationszentrum Berlin Ost) daraufhin in Eigenregie begonnen, ein erstes großes Sportfest nach SO Reglement in Berlin vorzubereiten. Durch die politischen Wende 1989 wurde daraus ein Gesamtberliner Sportfest und endete damit, dass uns SOI und SOEE als regionale Organisation „Special Olympics Berlin“ akkreditierte. Das sollten wir bleiben, bis sich eine gesamtdeutsche Organisation gebildet hatte.

Welche Verbände, Organisationen, Personen haben 1991 SOD gegründet? Mit welchen Zielen und Intentionen?

Bernhard Conrads: Die Gründungsgeschichte ist sehr komplex und mehrstufig, dazu hat Karl-Heinz Thommes eine ausführliche Chronik verfasst. Motor war aufgrund der Entwicklung in den 80er Jahren die Bundesvereinigung Lebenshilfe (BVLH). Alle Special Olympics Aktivitäten der Lebenshilfe in den 80er Jahren wurden vom Sportausschuss der BVLH unter dem Vorsitz von Prof. Peter Kapustin und den zuständigen Mitarbeitern in der Bundeszentrale der Lebenshilfe initiiert und getragen.

Karl-Heinz Thommes: Der 1984 ins Leben gerufene Sportausschuss hat als maßgebliches Organ fungiert, er nannte sich zuerst „Arbeitsgemeinschaft Olympische Spiele für geistig Behinderte in der Bundesrepublik Deutschland“. Die Lebenshilfe hatte eine große Bedeutung für die Entwicklung von Special Olympics in Deutschland. Bundesgeschäftsführer 1981 war Tom Mutters, dazu kamen die Bereichs- und Fachbereichsleiter Manfred Sauter, Klaus Kräling, Hans-Volker Wagner und Dr. Bernhard Conrads.

Bernhard Conrads: Da es damals gab es noch kein SOD gab, wurde den Lebenshilfe-Athleten von Special Olympics International auf niedrigem Akkreditierungsniveau eine Teilnahme an den Wettbewerben ermöglicht. Um der Form zu genügen, war Tom Mutters, mein Vorgänger und Lebenshilfe-Gründer, Nationaler Direktor. Er war jedoch nicht vorbehaltlos ein Freund von SOI; der Grund lag im Wesentlichen an dem damals praktizierten straffen Führungsvorgaben durch SOI, die den „Freigeist Mutters“ sehr störten. Die Diskussion im Bundesvorstand war daher skeptisch bis abwartend.

Gernot Buhrt: Es gab bezüglich der Gründung eines Special Olympics Verbandes ja ohnehin einigen Gegenwind. Zum einen gab es kritische Stimmen aus der sportpolitischen Ecke zur Struktur und Führung von Special Olympics International, wo Kritiker ihrer Meinung nach nicht ausreichende demokratische Standards sahen. Auch die Verfahrensweise der Akkreditierung von nationalen Mitgliedsorganisationen bei SOI wurde kritisch gesehen, weil diese nicht den sonst üblichen Aufnahmeverfahren bei internationalen Sportorganisationen entsprachen.

Wir sahen uns aber vor allem deswegen auf dem richtigen Weg und im Recht, weil gerade unsere Kritiker es in über 40 Jahren Bundesrepublik Deutschland nicht zustande gebracht hatten, dass Menschen mit einer geistigen und Mehrfachbehinderung überall und gleichberechtigt am organisierten Sport teilhaben konnten.

Karl-Heinz Thommes: 1990 hatte ich in Berlin die ersten Gespräche mit Gernot Buhrt u.a. in der damaligen DDR. Auch dort hatte es jetzt, unmittelbar nach der politischen Wende, Kontakte und Gespräche mit SOI sowie Bestrebungen zur Gründung von Special Olympics Deutschland gegeben.

Dr. Bernhard Conrads war es, nun als Bundesgeschäftsführer, der das Heft in die Hand nahm und 1991 zusammen mit SOI zu einem Informationstreffen einlud, dem ein weiteres folgte, aus dem heraus dann die Gründung von SOD erfolgte.

Zum Gründerkreis gehörten Repräsentanten folgender Organisationen: SOI, Bundesvereinigung Lebenshilfe, Landesverbände der Lebenshilfevereinigungen aus RLP u. Saarland, Brandenburg, NRW, Hamburg und Berlin sowie Lebenshilfe Offenburg, SG Rehabilitation Berlin-Lichtenberg, Institut für Sportwissenschaften der Uni Würzburg, Verband Evangelischer Einrichtungen, Deutscher Behinderten-Sport-Verband, Civitan Deutschland, Franz Sales Haus Essen.

Es wurde eine neue Geschäftsstelle am Sportinstitut in Würzburg geschaffen, mit der Nationalen Direktorin Nives Ebert. Prof. Peter Kapustin wurde Präsident, ich selbst war im Geschäftsführenden Vorstand tätig. Es gab nun Special Olympics Deutschland, trotz 10-jähriger Schwangerschaft war es eine schwere Geburt …

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass ohne die treibende Kraft der Sportpädagogen aus der Praxis, die hervorragende Unterstützung durch die Führung der Bundesvereinigung Lebenshilfe und ihrer Mitarbeiter und durch den massiven Druck von SOI, Special Olympics Deutschland nicht entstanden wäre, vielleicht hat auch die Wiedervereinigung mit ihrer politischen Entwicklung dazu beigetragen.

Gernot Buhrt: Es ging damals darum, Special Olympics Enthusiasten aus Ost und West zusammenzubringen, um diesen Gründungsschritt gemeinsam zu bewältigen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir „Ost-Berliner“ bereits zwei Organisationen, denn zur Unterstützung der ersten Special Olympics Veranstaltung im FEZ und der Entwicklung der Special Olympics Idee auch im organisierten Sport hatten wir im Juni 1990 die Sportgemeinschaft Rehabilitation Berlin-Lichtenberg gegründet, dessen erster ehrenamtliche Vorsitzender ich wurde und bis heute bin. Beide Berliner Organisationen haben sich für eine baldige Gründung einer gesamtdeutschen Organisation „Special Olympics Deutschland“ eingesetzt und dann im Frühjahr 1991 und von Anfang an im Gründungsgremium mitgearbeitet.

Wir hatten damals auch ein eigenes Konzept erarbeitet, bei welchem der Sitz von SOD und seiner Bundesgeschäftsstelle bereits 1991 in Berlin gewesen wäre. Der Vorschlag von Prof. Peter Kapustin, unserem ersten Präsidenten, die Bundesgeschäftsstelle als Projekt seines Sportinstituts an die Uni Würzburg zu binden, war zu dem Zeitpunkt aber schon viel weiter vororganisiert, praktikabler und darum auch besser. Folgerichtig haben wir uns diesem Vorschlag angeschlossen.     

Bei der offiziellen Gründungsveranstaltung im Herbst 1991 wurde ich in den ersten Vorstand
von SOD gewählt - als Vertreter für die neuen Bundesländer. Diesen Aufgabebereich habe ich dann nach einiger Zeit zurückgegeben mit der Begründung, dass es im Vorstand ja auch keinen Vertreter für die „alten Bundesländer“ gab – wozu dann also einen für die „neuen Bundesländer“.

Bernhard Conrads: Zu den Intentionen: Fachlich gesehen wollte man natürlich den Sport von Menschen mit geistiger Behinderung voranbringen. Die Gründung von SOD als e.V. selbst hatte aber nicht unwesentlich verbandliche Motive. SOI forderte in Deutschland einen eigenständigen Verband und hatte, da die Lebenshilfe „sich zierte“, der Gründungpartner von SOI zu sein, wie beschrieben kurz nach der Wende Kontakt zu einem sich auf dem Gebiet der ehemaligen DDR formierten Behindertenverband (ABiD – Allgemeiner Behindertenverband in Deutschland) aufgenommen. Da die Wiedervereinigung kurz bevorstand, bestand dann die Aussicht auf die Gründung eines gesamtdeutschen Verbandes.

Ich hatte kurz zuvor (1989) die Nachfolge von Tom Mutters als Bundesgeschäftsführer angetreten und wollte nicht zulassen, dass die BVLH auf dem so wichtigen Gebiet des Sports an den Rand gedrängt wurde. Auf der anderen Seite war ich aber auch ein Gegner eines Alleinvertretungsanspruches durch die BVLH. Daher kam es zu einer Einladung von vielen Interessierten Verbänden durch die BVLH.

Im Sinne von Tom Mutters habe ich, neben anderen wie Karl-Heinz Thommes, gegenüber SOI Wert gelegt auf mehr Unabhängigkeit und einen „eigenen deutschen Weg“, der die deutschen Verhältnisse (Behindertenverbände, Einrichtungen, Sportstrukturen) im Blick hatte.

Gernot Buhrt: Zu den Intentionen: SOD sollte und wollte all jene zusammenführen und deren Interessenvertreter sein, die bereits Sport für Menschen mit geistiger und Mehrfachbehinderung anboten und das Special Olympics Konzept als das geeignetste für sich und ihre Sportler ausgemacht hatten. Und dann ging es vor allem darum, die Philosophie von Special Olympics bundesweit bekannt zu machen, denn selbst Sportfachleute kannten diese Organisation und ihr besonderes Veranstaltungskonzept in Deutschland häufig nicht. Es ging also darum, neue Interessenten/Mitglieder zu finden und vor allem Mitstreiter, die auch bereit waren selber mit anzupacken.  

Dass die Gründung von SOD 1991 dann doch recht schnell von statten ging, hatte aber auch einen konkreten terminlichen Hintergrund. Vom 19. – 27. Juli 1991 fanden nämlich in Minneapolis die SO World Summer Games statt. Für die Spiele gab es dann von SOI die Festlegung, dass nur eine offizielle Mannschaft einer bei SOI akkreditierten deutschen Special Olympics Organisation teilnehmen darf.

Damit hat SOI quasi mit sanftem Druck das Gründungsverfahren etwas beschleunigt, denn natürlich wollten wir „Gründungsmitglieder“ mit einer offiziellen und wirklich repräsentativen deutschen Mannschaft zu den Weltspielen fahren. SOI kam uns dabei entgegen und hat unsere schriftlich fixierte Absichtserklärung zur Gründung von SOD bereits anerkannt, denn bis zu den Spielen war die praktische Gründung von SOD als eingetragener Verein nicht zu schaffen. So war die Teilnahme unserer Mannschaft in Minneapolis die erste offizielle Aktion von SOD, auch wenn diese eigentlich vor dem offiziellen Gründungsdatum lag.



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