Die Anfänge - Teil 3

Mit welchen Problemen mussten Sie sich vor allem auseinandersetzen?

Bernhard Conrads: Natürlich im Mittelpunkt: Das Geld! Die Geschäftsstelle, damals an der Uni Würzburg, bestand aus 1,5 Kräften – unter extrem beengten räumlichen Verhältnissen. Der Raum war Büro, Besprechungszimmer, Lager, Ablage …. Der Kampf um die Existenz hat dann später schließlich zu jener Krise geführt, die 2008 zum Neuanfang führte. Neben dem Geld gab es auch strukturelle und personenbezogene interne Probleme. 

Gernot Buhrt: Das größte Problem war die fehlende „Hauptamtlichkeit“. Wie von Bernhard Conrads beschrieben, konnten wir uns bis 2005 gerade einmal 1,5 hauptamtliche Stellen leisten. Also mussten und haben Vorstandsmitglieder viele Arbeitsaufgaben bewältigt, die heute natürlich von Mitarbeitern der Bundesgeschäftsstelle erledigt werden. Dabei haben und konnten sich die damaligen Vorstandsmitglieder auch nicht in gleicher Weise einbringen und engagieren. 

Zum anderen waren wir mit unserer Organisation ein Spät- und Quereinsteiger innerhalb des organisierten Sports der Bundesrepublik. Außer im Bereich des Spitzensports wurde der Sport vor allem über nichtstaatliche Strukturen und insbesondere auf Landesebene organisiert und finanziert. Wir passten mit unserer rein „bundesweiten“ Ausrichtung und unserer Mitgliederstruktur da nicht so recht rein.

Karl-Heinz Thommes: Da die EDV weitgehend noch in den Kinderschuhen steckte, war die gerechte Einteilung der Athleten in ihre Leistungsgruppen sehr schwierig und zeitaufwendig. Hinzu kam dann die Mittelbeschaffung für die Teilnahme an den internationalen Spielen.

Haben Sie viel von den damaligen internationalen Erfahrungen gelernt? Wie hat SOI unterstützt?

Karl-Heinz Thommes: Die Teilnahme an den internationalen Wettbewerben war natürlich stets ein Highlight. Als Delegationsleiter hatte ich überall Zutritt, lernte die Organisation und viele Persönlichkeiten kennen, die Ermunterung und Kraft gaben für neue Aufgaben. SOI half in vielen Situationen (Flug, Host Town, Beherbung usw.).

Gernot Buhrt: SOI hat uns auf jeden Fall erst einmal finanziell unterstützt, so wie sie es mit jeder neuen nationalen Organisation getan haben. Natürlich war SOI auch besonders an einer möglichsten schnellen und erfolgreichen Entwicklung von Special Olympics speziell in Deutschland interessiert.
Die ersten praktischen Erfahrungen hatten wir bei der Teilnahme unserer SOD Auswahlmannschaft bei den Weltspielen 1991 in Minneapolis gemacht. Allerdings war das mehr ein Ausblick, wie es einmal aussehen könnte, denn unter den damaligen Rahmenbedingungen in Deutschland war vieles erst einmal reine Zukunftsmusik. Wir mussten wirklich viele eigene und spezifisch deutsche Wege finden.

Wie wurde Special Olympics in dieser Zeit von der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen?

Bernhard Conrads: Die Wahrnehmung von Special Olympics war suboptimal, auch weil es an hauptamtlichen Kapazitäten und Kompetenzen fehlte. Die Medien waren schwer zu gewinnen. Sicher auch deswegen, weil wir erst nach und nach etwas zu bieten hatten.

Dort, wo „Inseln“ der Aktivitäten waren, war die Wahrnehmung besser. Beispielgebend noch für heute: „Mein Olympia“ in Würzburg, ein jährliches Sportfest mit mehr als 1.000 Beteiligten, deren Kern die Familiensportgruppe der Lebenshilfe Würzburg war. 

Was die Politik anbetrifft, waren die „großen“ Fragen des Bundessozialhilfegesetzes oder des Betreuungsrechts im Mittelpunkt. Behindertensport – gerade für Menschen mit geistiger Behinderung - war damals kaum ein Thema.

Karl-Heinz Thommes: Der Bekanntheitsgrad von Special Olympics lag im Wesentlichen auf lokaler Ebene. Besonders in den Kreisen und Städten aus denen Sportler erfolgreich mit Medaillen nach Hause kamen. Durch gute Beziehungen zu den Printmedien und später dann auch zu regionalen TV-Sendern verbesserte sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit immer mehr.

Gernot Buhrt: Öffentliche Wahrnehmung musste man sich zunächst erst einmal erkämpfen, denn sie war 1991 so gut wie nicht vorhanden. Es gab aber auch bereits Anfang der 90er Jahre in einigen wenigen Redaktionsstuben verschiedener Medien interessierte Journalisten, die uns und unsere Aktivitäten ab und an platzierten.
Allerdings blieb mit dem breiten und staatlich gewollten Medieninteresse für die Paralympics seit Barcelona 1992 wenig Raum für uns „Außenseiter“. Behindertensport und insbesondere internationaler Sport für behinderte Menschen war in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich gleichzusetzen mit paralympischem Sport.

Es hat darum auch recht lange gedauert, bevor die große Politik uns wahrgenommen hat. Der Startschuss dafür waren die 2. Nationalen Spiele 2000 in Berlin.

Karl-Heinz Thommes (rechts) besucht bei den Special Olympics World Summer Games North Carolina, USA 1999 das erfolgreiche Reitteam. (Foto: Karl-Heinz Thommes)
Karl-Heinz Thommes (rechts) besucht bei den Special Olympics World Summer Games North Carolina, USA 1999 das erfolgreiche Reitteam. (Foto: Karl-Heinz Thommes)

Wie hat sich die Grundgesetzänderung 1994 - Erweiterung des Grundrechtekatalogs um den Satz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" – in den Folgejahren in Ihrem Umfeld für Menschen mit geistiger Behinderung und damit auch für die Arbeit von Special Olympics ausgewirkt? Hat sich über die rechtliche Grundlage hinaus auch die Wahrnehmung, resp. der Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung verändert?

Bernhard Conrads: Die Aufnahme des Benachteiligungsverbots für behindere Menschen im Grundgesetz war sicher ein Meilenstein. Es hat die Antidiskriminierungsgesetzgebung in Bund und Land ausgelöst und war in vielen Feldern „Hebel“ für eine fortschrittlichere Gesetzgebung. Zudem hat Art. 3 Abs. 3 das Selbstbewusstsein behinderter Menschen und ihrer Angehörigen gestützt und gesteigert.

Wie so oft, ist die Frage nach dem Erfolg abhängig von der Erwartungshaltung, die mit einer Maßnahme verbunden ist. Von einer Grundgesetz-Änderung kann man sich keine kurzfristigen Veränderungen erwarten. Langfristig hat sich Art. 3 Abs. 3 zumindest indirekt positiv auch auf den Behindertensport ausgewirkt.

Die Grundgesetz-Änderung ist auch ein Spiegel der „Menschenbild“-Diskussion. Menschen mit Behinderung sind mit Ihren Anliegen keine Bittsteller mehr, sondern Inhaber von Rechten. Inwieweit Art 3. Abs. 3 sich auch auf Special Olympics Deutschland bzw. den Behindertensport ausgewirkt hat, ist auch eine Frage der Aktivitäten der Verbände. Es galt und gilt, diese „Trumpfkarte“ gekonnt zu spielen.

Generell konstatiere ich, dass sich der Stellenwert und das Ansehen von Menschen mit Behinderung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert hat – gerade, wenn man bedenkt, wo wir in Deutschland nach dem Ende des Nazi-Regimes standen. Hätte man in den 50er Jahren prognostiziert, dass in Deutschland 70 Jahre später geistig behinderte Künstler in Museen ausgestellt werden, dass fast jeder deutsche PKW Teile nutzt, die in Werkstätten für behinderte Menschen hergestellt werden, dass Menschen mit (geistiger) Behinderung wählen und heiraten oder dass Sie auf Orts-, Landes-, Bundesebene und international Sport treiben – man hätte den- oder diejenige als Utopisten (um nicht „Spinner“ zu sagen) bezeichnet.

Gleichwohl – wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange. Der Sport kann und muss dazu beitragen, dass weitere Visionen Wirklichkeit werden.

Gernot Buhrt: Erst einmal nicht viel, denn ehe so ein „Satz“ in wirklich praktikable und unterstützende Maßnahmen mündet,  vergeht in Deutschland zumeist recht viel Zeit.
Aber natürlich hat sich mit der Zeit die Wahrnehmung und damit auch der Umgang nach und nach positiv verändert. Allerdings nicht von selber und vor allem dadurch, dass es überall engagierte nichtbehinderte Menschen gab und gibt, welche die besondere Situation geistig behinderter Menschen und stellvertretend für diese das Thema überall und immer wieder auf die Agenda setzten.

Karl-Heinz Thommes: In meiner Heimat spielte die Grundgesetzänderung für behinderte Menschen keine so große Rolle, da die Integration durch die Arbeit in den Schulen und den Werkstätten für behinderte Menschen sowie durch viel Öffentlichkeitsarbeit schon weitgehend stattfand. Selbst hatte man natürlich eine rechtliche Handhabe, um gewisse Dinge stringenter zu fordern und durchzusetzen. Für die Arbeit von Special Olympics spielte es bei mir aber keine Rolle.



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