Die Anfänge - Teil 4

Gab es in den 1990er Jahren, zumindest punktuell, eine Zusammenarbeit von SOD bzw. Ihrer Einrichtungen mit dem organisierten Sport?

Bernhard Conrads: In Grenzen und in Anfängen: ja. Aus dem Blickwinkel der Bundesvereinigung Lebenshilfe sind die „Integrativen Fußballturniere“ in der Sportschule Wedau in den 90er Jahren berichtenswert. Dort trafen sich ca. 120 behinderte Sportler aus Einrichtungen und in etwa dieselbe Zahl nicht behinderter Sportler aus Vereinen. Erst vor Ort wurden die „integrativen“ Mannschaften gebildet und dann ein zweitägiges Turnier ausgespielt. Schirmherr war Fritz Walter, den ich persönlich begleiten durfte - ein Highlight meiner Karriere. Ausgespielt wurde ein Franz-Beckenbauer-Pokal. Nach vier Jahren ist diese Aktivität „sanft entschlafen“ – weil die Zeit für inklusive Ansätze wohl noch nicht reif war und weil durch eine Kerngeschäftsdiskussion in der Lebenshilfe für Derartiges kein Platz mehr war.

Ob einzelne Einrichtungen vor Ort mit Vereinen zusammengearbeitet haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Sporadisch war dies sicher der Fall, wenn entsprechende Aktivisten vorhanden waren.

Karl-Heinz Thommes: In Rheinland-Pfalz haben wir schon in den 1990er Jahren angefangen mit dem Behindertensportverband auf einer positiven Basis gemeinsam Landesspiele und lokale Veranstaltungen zu organisieren und durchzuführen nach Special Olympics Konzept. Diese positive Zusammenarbeit hat sich über die Jahre fortgesetzt, eine gemeinsame Resolution regelt dies.

Gernot Buhrt: In Berlin waren wir Vorreiter in Sachen Einbindung von Special Olympics in den organisierten Sport. Bereits 1990 hatten wir mit Blick auf die Sportförderung im Westteil Berlin begriffen, dass wir zukünftig nur über kompatible Strukturen von der Sportförderung partizipieren können. Also haben wir im Juni 1990 die SG Rehabilitation Berlin-Lichtenberg e.V. gegründet als  Kooperationspartner des damaligen Rehabilitationszentrum Berlin-Lichtenberg. Unser Sportverein musste sich wie alle Ostberliner Sportvereine dann nach der Wiedervereinigung nach bundesdeutschen Richtlinien neu organisieren und die Eintragung als ordentlicher und gemeinnütziger Sportverein beantragen. Außerdem wurden wir Mitglied im LSB Berlin und dem BSV Berlin.

Die SG Reha hatte dies alles bereits bis Ende 1991 geschafft und konnte seither Zuschüsse z.B. für Übungsleiter und vor allem für SO Veranstaltungen in Berlin beantragen. Das hat in Berlin über 20 Jahre recht gut geklappt und war die Grundlage dafür, dass unsere Veranstaltungsreihe „Special Olympics Berlin“ bis heute existiert.

Auch für die Unterstützung der Nationalen Spiele 2000 und 2006 durch den Berliner Senat und den LSB Berlin war es sehr wichtig, dass die SG Reha zu diesem Zeitpunkt bereits ein respektierter Teil des organisierten Sports in Berlin war.

Dr. Bernhard Conrads und Athletin Stefanie Wiegel blicken auf einem Empfang anlässlich der SOD-Mitgliederversammlung 2014 gemeinsam auf ein ergeignisreiches Jahr zurück. (Foto: SOD/Stefan Holtzem)
Dr. Bernhard Conrads und Athletin Stefanie Wiegel blicken auf einem Empfang anlässlich der SOD-Mitgliederversammlung 2014 gemeinsam auf ein ergeignisreiches Jahr zurück. (Foto: SOD/Stefan Holtzem)

Haben Sie eine besondere Begebenheit, Anekdote, Erinnerung aus diesen Jahren, die Sie gern erzählen möchten?

Karl-Heinz Thommes: Ein Schlüsselerlebnis für mich war die Teilnahme meines Schülers H.B. an den Weltspielen 1983 in Baton Rouge. Der Schüler hatte eine geistige Behinderung mittleren Grades. Er lernte trotz allen Bemühungen der Schule nicht lesen und schreiben. In seiner Familie war er nicht anerkannt, ebenso hatte er Probleme in der Dorfgemeinschaft. Er war aber körperlich und sportlich fit. Ich konnte die Familie überreden, ihn mit nach Amerika zu nehmen.

Wir kamen zurück. H. hatte eine Medaille gewonnen, konnte von der großen Reise und den großen Erlebnissen berichten. Er war plötzlich jemand, der etwas geleistet hatte, was die andern nicht hatten. Er war nach Amerika geflogen, hatte ein Sportfest besucht mit 65.000 Besuchern, hatte eine Medaille gewonnen. Er hatte, was noch wichtiger war, Selbstvertrauen gewonnen.

Er war nun jemand, wurde von Dorf und Familie anerkannt. H. lernte lesen und schreiben und entwickelte sich so, dass er als erster von meinen Schulabgängern in die freie Arbeitswelt vermittelt werden konnte.

Bernhard Conrads: Als Bundesgeschäftsführer der Lebenshilfe war ich permanent in ganz Deutschland unterwegs. Wann immer ich konnte, versuchte ich bei Dienstreisen in den Süden der Republik am Dienstag um 17.00 in Würzburg zu sein, um mitzuturnen/laufen/werfen. Da traf sich die Familiensportgruppe (immer so 50 Leute oder mehr) zum gemeinsamen Sport und Spiel – und hinterher zu einer Brotzeit. Das hat mich ungemein motiviert, den Sportgedanken in der Lebenshilfe und darüber hinaus voranzubringen. Der Sport hat Leben in die Lebenshilfe gebracht…

Gernot Buhrt: Eine Begebenheit von den ersten Spielen 1998 kommt mir immer mal wieder ins Gedächtnis. Wir (Trainer der SG Reha Lichtenberg) hatten vor Ort die Leitung der Schwimmwettkämpfe übernommen und mussten einen halben Tag Zeitverlust aufholen. Also haben wir durchgezogen und waren am dritten und letzten Wettkampftag zirka 1 Stunde früher fertig, als es der Veranstaltungsplan auswies. Alle (Aktive, Trainer, Helfer usw.) waren super froh über diese Situation und alle sehr schnell auf dem Weg in die Unterkünfte, um dann später noch die Abschlusszeremonie und Abschlussfete gut vorbereitet erleben zu können.

Plötzlich tauchte unerwartet unser Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit in der Halle auf und im Schlepptau Magdalena Brzeska - damals noch aktiv und bekannt als Spitzengymnastin. Eigentlich wollte Magdalena Brzeska zu dieser Zeit auf dem zentralen Veranstaltungsgelände zum Abschluss der dortigen Wettbewerbe ihre Wettkampfübung zum Vortrag bringen. Dort hing man aber bei den Wettbewerben zu sehr im Zeitplan zurück und Magdalena hatte nicht die Zeit zu warten. Also wurde kurzentschlossen umdisponiert und zur Schwimmhalle gefahren. Allerdings hatte ich die fällige Ankündigung per Anruf nicht mitbekommen und nun war in der Schwimmhalle gar kein Publikum mehr...!

Das sorgte natürlich für lange Gesichter. Ich habe mich aber artig entschuldigt und Magdalena schon mal vorausschauend für unsere nächste Veranstaltung eingeladen. Acht Jahre später war es dann soweit bei den Spielen 2006 in Berlin. Sie trug als Sportpatin die Fahne bei der Eröffnungsfeier mit in die Halle und ich war verantwortlich dafür, dass die Fahne den richtigen Weg nahm. Dabei kam ich wieder mit ihr ins Gespräch und sie konnte sich mit einem Schmunzeln im Gesicht noch an unsere erste Begegnung 1998 erinnern.

Gibt es Athleten in Ihrem Umfeld, die von Beginn an dabei waren und heute noch aktiv sind?

Gernot Buhrt: In meinem Sportverein sind noch neun Sportler aktiv, die bereits 1990 beim ersten Special Olympics Sportfest in Berlin teilgenommen hatten. Darunter z.B. auch Stefan Krumrey, unser erster Teilnehmer bei  Weltspielen 1991 und später nochmals 2007 in Shanghai.

Wenn Sie heute zurückblicken auf diese ersten Jahre – was ist für Sie der größte Erfolg in der Entwicklung von SOD, was macht Sie vielleicht persönlich stolz, weil Sie wesentlich daran beteiligt waren/sind?

Bernhard Conrads: Sicherlich die Tatsache, dass ich 1990/1991 - erst ein Jahr im Amt des Bundesgeschäftsführers der Lebenshilfe – meine Kompetenz und die „Autorität des Amtes“ einbringen konnte, um SOD mit auf den Weg zu bringen. Die Wurzeln und die Mitstreiter in der Lebenshilfe boten, wie oben beschrieben, hierfür gute Voraussetzungen. Gleichwohl war dies nicht einfach, lebten wir doch damals in einer politisch und verbandlich höchst turbulenten Zeit, denkt man an die Wende und die Gründung der Lebenshilfe in der DDR mit mehr als 100 Ortsvereinen in zwei Jahren – auch gegen viele Widerstände im verbandlichen Umfeld.

Mehr als 15 Jahre später war ich froh und stolz, dass man mich im Jahr 2005 „beim Neuanfang“ mit Präsident Gernot Mittler gebeten hat, im SOD-Präsidium neuen Zuschnitts mitzuwirken. Dass diese Entscheidung „meine alten Tage“ prägen sollte, habe ich damals nicht geahnt. Ich bedauere sie aber keineswegs; vielmehr bin ich glücklich und dankbar, mein Wissen und meine Kontakte nach Kräften bis heute einbringen zu können.

Gernot Buhrt: Als unseren größten Erfolg sehe ich an, dass unser Verband 2005 eine sehr tiefe finanzielle aber auch Vertrauenskrise überwinden konnte und nach dem Umzug der Bundesgeschäftsstelle von Würzburg nach Berlin einen wirklichen Neustart und eine tolle weitere Entwicklung hinbekommen hat. Darauf bin ich persönlich auch sehr stolz, weil unmittelbar mit beteiligt.

Dieser Entwicklungsabschnitt wurde meiner Meinung nach bisher rückblickend viel zu wenig betrachtet und gewürdigt. Damals stand z.B. auch zur Debatte, den Verband aufzulösen und irgendwie neu zu gründen. Das hätte aber unsere Entwicklung mit Sicherheit um Jahre zurückgeworfen.

Karl-Heinz Thommes: Für mich begann mit der Gründung von SOD ein langer steiniger Weg, der sich aber gelohnt hat zu gehen, denn erst jetzt begann die intensive Arbeit, den „Säugling“ mit Namen Special Olympics Deutschland groß zu ziehen. Zum Schluss sei einfach die Frage erlaubt: „Warum dieser Kampf, warum dieses Engagement?“

Es gibt eine ganz einfache Antwort: Es ging nicht um die Schaffung einer neuen Institution, sondern es ging darum, dem Sportler mit geistiger Behinderung eine Plattform zu schaffen, auf der er in Würde und mit Freude Sport treiben konnte und kann, und nicht nur, wie zu Beginn befürchtet, für eine Leistungselite. Nein, in den Programmen von Special Olympics haben alle Platz, Sportler aller Behinderungsgrade, die Familien, die vielen engagierten Helfer, Sponsoren und Spender. Es ist eine Sportorganisation, die den Menschen mit geistiger Behinderung in seiner Gesamtheit sieht, und ihm durch das Medium Sport hilft, ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Dafür zu streiten, zu kämpfen, lohnt es sich.



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