Die Neuausrichtung des Verbandes - Gernot Mittler

Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics Deutschland (SOD) erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

Wann ich zum ersten Mal von Special Olympics gehört habe, kann ich so genau nicht erinnern, an den ersten Kontakt zu SOD erinnere ich mich sehr wohl: Der fand im Frühjahr 2005 anlässlich einer Mitgliederversammlung in einem kleinen Hörsaal der Universität Würzburg statt, wozu ich eingeladen war. Dort wurde ich auch mit der Frage konfrontiert, ob ich bei der Jahreshauptversammlung im November jenen Jahres für das Amt des Präsidenten kandidieren wolle. Dazu habe ich mich nach Bedenkzeit bereit erklärt, und so ist es dann auch gekommen.

Mit welchen Problemen mussten Sie sich zu Beginn besonders auseinandersetzen?

Es gab gleich zu Beginn mehrere Schwerpunkte, die allesamt von vergleichbarem Gewicht waren und auch gleichzeitig angegangen werden mussten:
Ein nahezu komplett neues Präsidium musste seine Arbeitsfähigkeit finden, denn fast alle waren einander fremd – die finanzielle Situation bedurfte dringend der Konsolidierung – eine hauptamtliche Organisationstruktur musste geschaffen werden – eine Verlegung der Geschäftsstelle von Würzburg nach Berlin war zu bewerkstelligen. Diese Aufzählung ist keineswegs komplett, doch sie beschreibt bereits die Größe der Herausforderung, vor der SOD im Jahr 2005 stand.

Was waren aus Ihrer persönlichen Sicht „Meilensteine“, die SOD seit 2005 vorangebracht haben?

Da lässt sich, so denke ich, einiges nennen:
Das Wichtigste war zunächst die Sicherung der finanziellen Grundlagen, ohne die erfolgreiche Organisationsarbeit nicht gelingen kann. Unsere Partner und Sponsoren, allen voran unsere Premium-Partner ABB Mannheim, s.Oliver und Würth, die uns seit Jahren kräftig unter die Arme greifen und die Treue halten, haben insoweit ganz wesentlichen Anteil an der Entwicklung von SOD.

Gleiches gilt für die Unterstützung, die wir im politischen Raum erfahren haben, und zwar gleich bei mehreren Bundesministerien. Besonders erwähnenswert ist die Offenheit, die wir beim Haushaltsgesetzgeber, sprich bei den Fraktionen des Bundestages, gefunden haben.

Ganz oben steht des Weiteren die Aufnahme von SOD als sog. „Verband mit besonderen Aufgaben“ in den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bereits im Jahr 2007; dabei will ich die großartige Hilfe und Unterstützung erwähnen, die wir vom damaligen Präsidenten und dem Generaldirektor des DOSB, Dr. Thomas Bach und Dr. Michael Vesper, erhalten haben, ohne die dies nicht möglich gewesen wäre. Damit war SOD Mitglied der deutschen Sportfamilie – auf Augenhöhe! Ein unschätzbarer Wert. Die Aufgeschlossenheit der DOSB-Spitze gegenüber SOD hat sich übrigens auch unter dem neuen Präsidenten Alfons Hörmann fortgesetzt.

Schließlich will ich die Etablierung einer funktionsfähigen Geschäftsstelle in Berlin nennen als Bedingung für eine effektive Arbeitsstruktur, sowie die Gründung einer eigenen Akademie mit einem breiten behinderten-spezifischen Bildungsangebot.

Gernot Mittler (2. v.r.) und Sven Albrecht (rechts) mit Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper (Vizepräsidentin DOSB) und Kai Troll (SO Europa/Eurasien) bei der 20-Jahr-Feier von SOD im Jahr 2011. (Foto: SOD/Juri Reetz)
Gernot Mittler (2. v.r.) und Sven Albrecht (rechts) mit Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper (Vizepräsidentin DOSB) und Kai Troll (SO Europa/Eurasien) bei der 20-Jahr-Feier von SOD im Jahr 2011. (Foto: SOD/Juri Reetz)

Betrachten wir die Entwicklung seit 2005 aus Sicht der Athleten: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Fortschritte und die greifbarsten Ergebnisse, die ihnen unmittelbar zu Gute kommen?

Wir sind heute in 14 Bundesländern mit eigenen Landesverbänden präsent. Das schafft Nähe, denn damit haben wir die Wege der Athleten zu „ihrer“ Sportorganisation verkürzt. Allerdings sind unsere Landesverbände noch unterschiedlich stark entwickelt. Das ist gewiss ein Feld, das in der Zukunft der verstärkten Aufmerksamkeit und Arbeit, auch der Unterstützung durch die Bundesebene, bedarf. Ich hätte mir gewünscht, dass wir diesbezüglich noch während meiner Amtszeit weiter gekommen wären.

Allerdings will ich auf zwei außerordentlich positive Entwicklungen aufmerksam machen: Das Gesundheitsprogramm Healthy Athletes ist für unsere Athletinnen und Athleten eine großartige Hilfe, die ihnen im Alltag das Leben erleichtert. Das Gleiche gilt für das Familienprogramm. In den meisten Landesverbänden haben wir Familienbeauftragte, die für die Besonderheiten und die Erfahrungen der Familien mit einem behinderten Angehörigen eine gemeinsame Gesprächsbasis schaffen. Wir erleben insbesondere bei den Nationalen und Regionalen Spielen, bei denen jeweils ein „Familienabend“ angeboten wird, wie zahlreich die Eltern und Angehörigen dieses Angebot annehmen. Diese beiden Programme hat keine andere Sportorganisation zu bieten, und sie sind sozusagen ein Herzstück und Alleinstellungsmerkmal von Special Olympics Deutschland.

Die SOD-Entwicklung in den vergangenen 11 Jahren wird auch von außen als „rasant“ und „enorm“ bezeichnet. Gibt es so etwas wie ein Erfolgsrezept, oder anders gefragt – welche Faktoren waren für diese erfolgreiche Entwicklung bestimmend?

Es gab kein „Erfolgsrezept.“ Die Aufgabe stand vor uns, und wir haben sie angepackt: Im Präsidium, mit den Vorständen und den Geschäftsstellen der Länder, mit den Coaches und Headcoaches, die einen unglaublichen Einsatz vor Ort, auf Länder- und auf Bundesebene leisten, und einer professionell besetzten und geführten Bundesgeschäftsstelle – nach dem Motto: Einigkeit macht stark.

SOD ist gesellschaftlich und politisch gut vernetzt und genießt ein hohes Ansehen auch als Ansprechpartner bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechts-Konvention. Worauf gründet sich diese Reputation?

Natürlich freut es mich, dass wir mehrmals zu den Anhörungen des Sportausschusses des Bundestages zu Fragen der UN-Konvention und der Inklusion eingeladen waren, zusammen mit dem Deutschen Behindertensportverband, zu dem wir übrigens ein gutes Verhältnis auf Augenhöhe haben.
Wir bringen gerne unsere Erfahrung auch in die Politik ein, die sich auf unsere tägliche Begegnung und das permanente Gespräch mit Menschen mit geistiger Behinderung stützt; wir reden mit ihnen, nicht über sie.
Und dass die Lebensgefährtin des Bundespräsidentin, Frau Daniela Schadt, vor vier Jahren die Schirmherrschaft über Special Olympics Deutschland übernommen hat, war unserem Ansehen gewiss förderlich und hat die öffentliche Wahrnehmung befördert.

Wie lautete Ihre kürzeste Formel für Inklusion im und durch Sport?

Mittendrin!

Wem möchten Sie im Rückblick auf Ihre Tätigkeit bei und für SOD besonders danken?

Das sind so viele, dass ich sie hier natürlich nicht alle nennen kann. Nur so viel: Die gemeinsamen Jahre im Präsidium und das freundschaftliche und zielorientierte Miteinander dort habe ich immer als persönlichen Zugewinn und eine große Bereicherung wahrgenommen. Das bleibt. Das gilt auch für die Zusammenarbeit mit dem Länderrat und, nicht zuletzt, mit der Bundesgeschäftsstelle und deren Geschäftsführer Sven Albrecht.

Was wünschen Sie SOD und dem SOD-Team für die Zukunft?

Dass es auch weiterhin gelingt, die Anliegen und Besonderheiten von Menschen mit geistiger Behinderung zur Sprache zu bringen und in den Fokus der gesellschaftlichen Diskussion zu stellen. Die Weichen dafür sind gut gestellt. Ich bin überzeugt, dass Special Olympics Deutschland unter Führung meiner Nachfolgerin Christiane Krajewski die besten Jahre noch vor sich hat.


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