Entwicklung zur Alltagsbewegung - Dr. Margarethe Möllering

Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

Ich arbeitete als Kinder-und Jugendpsychiaterin einmal in der Woche im Franz Sales Haus in Essen und lernte  dort glückliche Athleten von Special Olympics mit ihren Medaillen kennen, die sie stolz tagelang trugen. Im Jahr 2003 bin ich dann erstmals als begleitende SOD-Delegationsärztin nach Dublin zu den Special Olympics Welt-Sommerspielen mitgefahren. Dort lernte ich auch das  gesamte Gesundheitsprogramm kennen. Im Sommer 2004 begann ich bei der Einführung des Gesundheitsprogramms in Deutschland meine ehrenamtliche Tätigkeit als Clinical Director im Bereich Health Promotion und war seitdem bei allen Nationalen, aber auch vielen regionalen, Veranstaltungen dabei.

Was sind aus Ihrer persönlichen Sicht die besonderen Stärken des Healthy Athletes Programms?

Das Gesundheitsprogramm Healthy Athletes ist für mich ein ganz besonderes Angebot der weltweiten Special Olympics Bewegung. Es bietet den Athletinnen und Athleten nicht nur zielgruppenspezifische Informationen, Beratungen und Untersuchungen, sondern ermöglicht ihnen, mit dem gewonnen Wissen und dem verstärkten Bewusstsein für eine gesunde Lebensweise ihre Teilhabe an der eigenen Gesundheitsvorsorge zu verbessern. Damit füllt Healthy Athletes auch bei uns in Deutschland noch eine große Lücke!
Und bei den Veranstaltungen faszinieren mich immer wieder der Andrang der Teilnehmer und die ausgesprochen fröhliche Atmosphäre. Ich bewundere die Begeisterungsfähigkeit, die Fairness und die Fähigkeit der Athletinnen und Athleten, ihre Siege zu genießen, aber auch Niederlagen hinzunehmen. Bemerkenswert sind natürlich die weltweiten Angebote  für Kinder in Entwicklungsländern, die medizinisch deutlich unterversorgt sind.

Das Healthy Athletes Programm wurde im Jahr 2004 bei den National Games in Hamburg eingeführt. Wie sah das damals aus?

Es war erstaunlich komplett. Viele Leiter für die Gesundheitsprogramme für SOD (die Clinical Directors - CDs) waren bereits 2013 in Murnau geschult worden. Es gab ein großes Zelt mit großen Ständen und Untersuchungsbereichen für alle. Es waren bereits fünf Programme mit dabei: Fit Feet, Healthy Promotion, Healthy Hearing, Special Smiles und Opening Eyes. Das Programm wurde von Athleten, Coaches und Angehörigen mit großem Interesse wahrgenommen: Fast 4.000 Beratungen und Untersuchungen konnten durchgeführt werden.

Wer waren damals die Partner, Unterstützer, Mitwirkende?

Ich erinnere mich an die große Unterstützung bei den Podologen durch eine Gruppe aus Belgien. Bei den Zahnärzten war die Universitätszahnklinik Hamburg aktiv. Das Augenprogramm wurde von den Hamburger Lions unterstützt, und die Lions engagieren sich weltweit und auch für SOD bis heute! Am Stand von Health Promotion arbeitete eine Lehrerin mit Ihrer Ausbildungs-Klasse von Diätassistentinnen vom UKE Hamburg.
Einige der CD´s, die damals erstmals dabei waren, sind bis heute beim Gesundheitsprogramm von SOD engagiert, z.B. der Zahnarzt Dr. Christoph Hils für Special Smiles oder der Optometrist Stefan Schwarz für Opening Eyes.
 
Mit welchen Problemen mussten Sie sich vor allem auseinandersetzen?

Beim Zahn- und Mundgesundheitsprogramm gab es noch keine Möglichkeit des Zähneputzens für die Teilnehmer, geschweige denn einen Kariestunnel. Die HNO- Ärzte hatten keinen Ort, um außerhalb des Zeltes  schallisoliert die Hörprüfungen durchzuführen. Aber das alles änderte sich sofort beim nächsten Mal.
Wir hatten bei Health Promotion die „Ameisenstraße“: Die Diätassistentinnen hatten ein großes Plakat gebastelt und darauf den Zuckergehalt verschiedener Lebensmittel dargestellt - in realen Zuckerklümpchen. Das ging zwei Tage gut. Dann wurden wir der Ameisen kaum noch Herr…
Manche Ausstattung der Gesundheitsbereiche steckte eben noch in den Kinderschuhen und so bestanden die Demonstrationsmaterialien zur gesunden Ernährung aus „Fitmacher“ und „Fettmacher“ in Form von Naturalien und nicht aus unverderblichen Anschauungsmaterialien wie heute.  

Was waren Ihre persönlichen Erfolgserlebnisse?

Ich konnte im Bereich Health Promotionen die Angebote und die Ausstattung ständig  erweitern. Neue Anschauungsmaterialen, wie z. B. die großen Demonstrations-BMI- Scheiben, Ernährungspyramiden und interaktiven Spiele kamen dazu und wurden angenommen, gelegentlich fand ich meine Anregungen auch bei internationalen Spielen wieder.

Wer waren Ihre Mitstreiter in dieser Zeit, denen Sie anlässlich der 25 Jahre danken möchten?

Ich habe mich jetzt nochmal bei der Lehrerin der Diätassistenten vom Hamburg für ihre Starthilfe bedankt. Die E-Mail-Adresse stimmte noch.
Auf dem weiteren Weg kamen immer Menschen dazu. Meine ehemalige Klassenkameradin, Dr. Brigitte Wörner, konnte ich für die Nationalen Sommerspiele von SOD in Berlin 2006 gewinnen, sie blieb (wie viele, die einmal Special Olympics  kennengelernt haben und mit dem „Special Olympics Virus“ infiziert wurden) und übernahm die 2. Stelle als CD Health Promotion. Es ist schöner zu zweit und die Nachfrage nach Angeboten wuchs über die Jahre auch in den Landesverbänden.
Aber es waren auch viele Helfer, Ärzte, Krankenschwestern, Studenten – viele, die sich mit Freude ehrenamtlich engagierten.
Und ich danke natürlich dem gesamten Team des Gesundheitsprogramms für die Zusammenarbeit! Das sind nun im Jahr 2016 insgesamt 14 CD´s und 37 regionale Koordinatoren in 12 SO Landesverbänden, die nationale und regionale Angebote in allen Bereichen des Gesundheitsprogramms organisieren! Allen gemeinsam ist eine unkomplizierte Fröhlichkeit und Freude an der Sache.

Wie wurden in dieser Zeit in Ihrem Umfeld Menschen mit geistiger Behinderung wahrgenommen? Und wie Special Olympics?

Wenig! Viele Kolleginnen z.B. kannten keine Menschen mit Behinderungen.
Auch Special Olympics war unbekannt. Heute werde ich von vielen um meinen Job beneidet. Auch wenn wir einen großen Schritt vorangekommen sind, kennt man in der Öffentlichkeit Special Olympics noch immer viel zu wenig!

Was waren Meilensteine für das Healthy Athletes Programm, die es wesentlich vorangebracht haben?

Vieles wurde leichter, geregelter, und wir mussten uns nicht mehr um alles selber kümmern, als im April 2009 eine hauptamtliche Stelle für die Leitung des Gesundheitsprogramms in der Bundesgeschäftsstelle von SOD besetzt wurde.
Und im Jahr 2011 startete die Förderung durch das Ministerium für Gesundheit mit den Projekt „Selbstbestimmt gesünder“. Damit konnten nun auch Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen und Werkstätten mit den Angeboten des Gesundheitsprogramms von Special Olympics erreicht werden.
Seit 2004 konnten mit Unterstützung von 3.000 ehrenamtlichen Helfern - Ärzte, Zahnärzte, Optometristen, Physiotherapeuten, Podologen, medizinisches Fachpersonal und Studenten - fast 40.000 Beratungen und Untersuchungen durchgeführt werden.
In allen Gesundheitsbereichen stehen heute Informations- und Lernmaterialien in leichter Sprache zur Verfügung!
Das Gesundheitsprogramm kooperiert seit mehreren Jahren erfolgreich mit der Bundeszahnärztekammer und der Bundesärztekammer,  mit dem Zentralverband der Augenoptiker, dem Deutschen Verband für Physiotherapie und dem Zentralverband der Podologen und Fußpfleger Deutschlands und seit Juni diesen Jahres auch mit der Deutschen Gesellschaft für Medizin für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung e. V. Diese Netzwerkle sind wichtig!
Nicht zuletzt braucht man natürlich auch Förderer und Unterstützer, um die vielfältigen Angebote durchführen zu können. Auch da konnten in den letzten Jahren neben den weltweit engagierten Lions Clubs für Opening Eyes weitere Unterstützung z. B. durch die Wrigley Foundation für das gesamte Gesundheitsprogramm gewonnen werden.  

Wie haben Sie die Athleten in der Zeit von 2004 bis heute erlebt, haben sie sich verändert?

Sie sind sehr viel selbstbewusster geworden und können sich ungehemmt in neuen Situationen bewegen. Ich bewundere sie oft. Seit zwei Jahren haben wir auch Helfer mit geistiger Behinderung in den Gesundheitsbereichen im Einsatz. Das ist eine großartige neue Erfahrung für alle Beteiligten und hilft auf beiden Seiten Berührungsängste und Barrieren abzubauen!   

Wenn Sie heute zurückblicken auf diese Jahre – was ist für Sie der größte Erfolg in der Entwicklung von SOD, was macht Sie vielleicht persönlich stolz, weil Sie wesentlich daran beteiligt waren/sind?

Ich bin stolz, dass meine Ausgestaltung der Health Promotionen Angebote für SOD in vielen Ländern, natürlich abgewandelt, übernommen wurden. Alle Veranstaltungen sind immer gut gelaufen. Ich bin nie enttäuscht weg gefahren. Mir hat Special Olympics meine Pensionszeit sehr bereichert.
Es ist großartig, dass wir durch den kontinuierlichen Ausbau des Gesundheitsprogramms seit 2004 Healthy Athletes nicht mehr nur während nationaler Wettbewerbe, sondern vor allem auch bei regionalen Veranstaltungen der SO- Landesverbände anbieten können. Mehr als 40 Angebote sind es pro Jahr!
Auch wenn es noch viel zu tun gibt, um Menschen mit geistiger Behinderung eine gleichwertige medizinische Versorgung zu ermöglichen, bin ich sicher, dass die Impulse, die in den vergangenen Jahren von Healthy Athletes ausgegangen sind, beispielgebend für die Wahrnehmung der gesundheitlichen Problematik von Menschen mit geistiger Behinderung sind! Und auch darauf bin ich stolz, als Teil des Gesundheitsteams von SOD dazu beigetragen zu haben!


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