Entwicklung zur Alltagsbewegung - Manuela Brehmer (Seite 1)

Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

Unsere Familie hatte einen Fernsehbericht über die Vorbereitung der Athleten auf die Weltspiele in Kanada gesehen. Markus Wasmeier hatte damals ein paar Trainingseinheiten mit teilnehmenden Athleten gemacht. Mein Bruder Patrick wollte unbedingt auch bei Skiwettbewerben teilnehmen. Also hat sich unsere Mama auf die Suche gemacht. Prof. Dr. Peter Kapustin war damals Präsident im Bayerischen Landessportverband, so kam unsere Mutter an die Adresse von SOD  in Würzburg. Sie hat Kontakt aufgenommen und 1998 wurden wir mit unserem Verein Kreis Eltern behinderter Kinder Olching e.V. Mitglied bei SOD und Patrick nahm 1998 an Skiwettbewerben in Zwiesel und im gleichen Jahr an den ersten Nationalen Sommerspielen in Stuttgart teil. Ich durfte als Betreuerin mit nach Zwiesel fahren, Patrick hat dort seine erste Goldmedaille gewonnen – bei strahlendem Sonnenschein und in einem leuchtend orangen Skianzug, das vergesse ich nie!

Ich hab‘ also als Coach angefangen, hab‘ bis 2006 unsere Athleten zu den Wettbewerben als Betreuerin begleitet. Gemeinsam mit Conny Eichlinger (Caritas Zentrum Ingolstadt), Thomas Fritsch und Rainer Zintl (HPZ Irchenrieth) und Petra Hinkl (Diakonie Neuendettelsau) haben unser Vater und ich mit weiteren Mitstreitern aus den anderen Bundesländern die Gründung der Landesverbände und speziell des Landesverbandes Bayern vorangetrieben. Eine sehr intensive Zeit!
Seit 2004 leite ich die Geschäftsstelle in Bayern mit stark steigenden Stundenzahlen. Seit 2003 habe ich mich für die Familienarbeit eingesetzt, war auf internationalen Seminaren (ehrenamtlich). Bei den Spielen in Hamburg 2004 haben wir dann zum ersten Mal ein „Familienprogramm“ angeboten.

Wie wurden in dieser Zeit in Ihrem Umfeld Menschen mit geistiger Behinderung wahrgenommen? Und wie Special Olympics?

Wir hatten das Glück, dass  unser Verein Kreis Eltern behinderter Kinder Olching e.V. sich schon sehr stark für Menschen mit geistiger Behinderung einsetzte. Mein Bruder Patrick war in unserem Heimatort Olching bekannt und es gab nach anfänglichen Berührungsängsten keine größeren Probleme in unserem Umfeld. Sicherlich auch, weil wir als Großfamilie immer sehr offen mit dem Thema „Behinderung“ umgingen. Special Olympics war damals komplett unbekannt, keiner konnte etwas damit anfangen.

Was sind aus Ihrer persönlichen Sicht die besonderen Vorzüge des Special Olympics Familienprogramms?

Die persönlichen Kontakte, die direkten Hilfen, die Möglichkeiten, Netzwerke zu schaffen und diese auch zu nutzen, was leider bei uns noch viel zu wenig genutzt wird. „Programm“ ist vielleicht auch die falsche Bezeichnung, da meint jeder gleich, er wird bespaßt, aber das soll es ja nicht sein. Ich habe über das Familienprogramm so viele tolle Leute kennengelernt und so viele persönliche Geschichten gehört, das ist einfach grandios!

Das Familienprogramm wurde 2006 bei SOD eingeführt, wie sahen die Anfänge damals aus?

Das stimmt so nicht, wir hatten das erste „Familienprogramm“ bei den Nationalen Spielen in Hamburg 2004. Wir hatten in Olympic Town einen kleinen Empfang für die Familien bei stürmischem Wetter, daher kamen nicht viele. Und es gab einen kleinen Infostand für Familien im Bereich des Merchandising-Zeltes, daher hatten wir viele Kontakte.
Bei den Spielen in Berlin 2006 gab es dann auch einen Familienempfang. 130 Personen hatten sich angemeldet, für so viele war auch ein Buffet bestellt – es kamen vielleicht 10 Personen, das war echt bitter und es gab natürlich Kritik.
Bei den Spielen in Bremen 2010 wurde das Familienprogramm anfangs nicht ganz ernst genommen, bis ich dann in meiner temperamentvollen, bayerischen Art auf den Tisch haute und ich folglich immer als „Südwind“ von Hans-Jürgen Schulke bezeichnet wurde. Der Erfolg des Familienangebots in Bremen gab mir Recht!

Wer waren damals die Partner, Unterstützer, Mitwirkende?

Vor allem Hans-Jürgen Schulke und Präsident Gernot Mittler!

Mit welchen Problemen mussten Sie sich vor allem auseinandersetzen?

Wie kommen wir an die Familienadressen, wie können wir die Familien einbinden, wenig Geld und nötiges enormes ehrenamtliches Engagement.

Was waren in der Folge Ihre persönlichen Erfolgserlebnisse in Bezug auf das Programm?

München 2012, ganz klar, der Familienempfang in meiner Heimatstadt war einfach rund und kam super an!

Wer waren Ihre Mitstreiter in dieser Zeit, denen Sie anlässlich der 25 Jahre danken möchten?

Meiner Mama, sie hat mich zu Special Olympics gebracht, meiner Familie, die meinen Elan immer unterstützt hat, allen Special Olympics Familien, die sich engagieren, und vor allem allen Athleten, denn ohne sie wären wir alle nix!

Wie sollte es mit dem Familienprogramm weitergehen, wo sehen Sie aus Sicht der Familien die Prioritäten?

Um das Familienprogramm weiter entwickeln zu können, fehlt uns im Moment, meiner Ansicht nach, eine klare Positionierung des Präsidiums und die nötigen finanziellen Mittel. Die Landesverbände müssen sich der Familienarbeit stärker widmen und auch eigene angepasste Konzepte entwickeln.

Wäre die Öffnung des Familienprogramms eine denkbare Option – z.B., um bei Nationalen oder Landesspielen Familien aus der Region, die Special Olympics noch nicht kennen, einzubeziehen? 

Natürlich

Haben Sie eine besondere Begebenheit, Anekdote, Erinnerung, die Sie gern erzählen möchten?

Ich durfte 2001 drei Athleten zu den Weltspielen nach Alaska begleiten, darunter auch mein Bruder Patrick. Die Eröffnungsfeier – beim Einmarsch unsere Eltern zu sehen und die vielen Athleten aus so vielen verschiedenen Nationen, das war gewaltig und hat mich für immer an Special Olympics gebunden. Ich hatte auch immer wieder die Ehre, Eunice Kennedy-Shriver zu begegnen und mich mit ihr zu unterhalten, eine sehr inspirierende Frau!

Wie haben Sie die Athleten und deren Familien in der Zeit von 2004 bis heute erlebt, haben sie sich verändert?

Ja, sie haben sich verändert, sie sind selbstbewusster und offener geworden, so mein Empfinden, und darüber freue ich mich sehr!

Wenn Sie heute zurückblicken auf diese Jahre – was ist für Sie der größte Erfolg in der Entwicklung von SOD, was macht Sie vielleicht persönlich stolz, weil Sie wesentlich daran beteiligt waren/sind?

Die Gründung der Landesverbände, weil sich dadurch Special Olympics erst richtig entwickeln konnte. Der allergrößte Erfolg sind für mich aber unsere Athleten, ihre Herzlichkeit, ihr Ehrgeiz, ihr Engagement und ihre Fairness – von unseren Athleten kann man immer wieder lernen.


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