Gegenwart und Zukunft des Verbandes - Christiane Krajewski

Wann haben Sie zum ersten Mal von Special Olympics erfahren und wann und wie sind Sie dann in welcher Funktion aktiv geworden?

Ich kannte Special Olympics nur aus den Medien. Intensiver habe ich mich mit SOD beschäftigt, als mich unser heutiger Ehrenpräsident Gernot Mittler fragte, ob ich mir vorstellen könnte, seine Nachfolge anzutreten.

Wenn Sie zurückblicken, wie wurden in den 90er Jahren in Ihrem Umfeld Menschen mit geistiger Behinderung wahrgenommen? Und wie Special Olympics?

In dieser Zeit war ich Sozialministerin im Saarland. Ich konnte mithelfen, erste Projekte zur Inklusion wie integrative Kindertageseinrichtungen im Sinne des "Miteinander leben lernen" aufzubauen. Beruflich und auch ehrenamtlich hatte ich viele Berührungen mit Menschen mit geistiger Behinderung. Sie waren aus dem gesellschaftlichen Leben noch weitgehend ausgegrenzt. Das wollte ich ändern.

Was macht für Sie die Arbeit für SOD aus, was motiviert Sie für das außerordentlich starke ehrenamtliche Engagement?

Es ist für mich eine große Freude zu erleben, wie Menschen mit geistiger Behinderung "ihr Bestes" geben wollen. Ihre Begeisterung für den Sport, für ihren Erfolg im Rahmen ihrer Möglichkeiten und auch die immer häufigeren gemeinsamen Aktivitäten von Menschen mit und ohne Behinderung faszinieren mich und spornen mich an, mich gemeinsam mit den Athleten,  Kollegen im Präsidium, im Länderrat, den vielen Ehrenamtlichen in den Gremien auf Bundes- und Landesebene, in der Geschäftsstelle sowie den Menschen vor Ort  für die Entwicklung von SOD zu engagieren.

Eine wesentliche Aufgabe war und ist die nachhaltige Förderung und Unterstützung der Landesverbände – inwieweit ist SOD in diesen Bereichen weiter vorangekommen?

Ein Ausdruck der Entwicklung der Landesverbände ist die wachsende Zahl von Landesspielen.  Auch die insgesamt mehr als 220 regionalen Veranstaltungen jährlich, mit denen wir insgesamt über 10.000 Athletinnen und Athleten erreichen, sprechen für sich. SOD hat die Landesverbände auch mit finanziellen Mitteln unterstützt. Es gibt Landesförderungen durch SOD, unterstützt wurden u.a. auch die Anerkennungswettbewerbe und die Unified Serie, verschiedene Projektfördergelder kamen direkt den beteiligten Landesverbänden zugute. Hierzu gehört auch die Dezentralisierung des Gesundheitsprogramms mit Förderung durch SOD.
Das alles ändert jedoch nichts daran, dass einige unsere Landesverbände nach wie vor keine ausreichende finanzielle Basis haben. Sich gemeinsam mit diesen Landesverbänden in der Politik und im Sport stark zu machen für Förderung und Unterstützung, bleibt für uns in den kommenden Jahren eine wesentliche Aufgabe.

Ein strategischer Schwerpunkt ist die Schärfung des Profils von SOD als Alltagsbewegung. Was wurde diesbezüglich unternommen und erreicht?

Ein sehr gutes Beispiel ist  das Projekt „Selbstbestimmt gesünder“, das es ermöglicht, dass das Gesundheitsprogramm von SOD jetzt auch in Werkstätten angeboten wird.  Der ganzheitliche Ansatz ist wichtig, wenn wir in den kommenden Jahren auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft weiter vorankommen wollen. Es ist uns ein Anliegen, Menschen mit geistiger Behinderung die Breite der Möglichkeiten anzubieten, über die wir als Alltagsbewegung verfügen und die ihren Bedürfnissen entsprechen.  Es gibt weitere Projekte und Initiativen, unterstützt von engagierten Förderern und Partnern, mit denen wir uns in den letzten Jahren als Alltagsbewegung deutlich profilieren konnten.

Wie schätzten Sie die Entwicklung bzgl. der Zusammenarbeit mit dem organisierten Sport ein, bzw. wie die Bereitschaft der Vereine zur Öffnung auch für Menschen mit geistiger Behinderung?

Wir stoßen auf offene Augen und Ohren. Der organisierte Sport will sich öffnen. Aber das alles braucht Zeit und entsprechend qualifizierte Trainer und ehrenamtliche Helfer. Im Mittelpunkt steht für uns der Mensch mit geistiger Behinderung. Er soll entscheiden können, wo er aktiv Sport treibt. Sein Wunsch- und Wahlrecht ist zu respektieren.

SOD ist gesellschaftlich und politisch sehr gut vernetzt, genießt mittlerweile hohes Ansehen als Ansprechpartner bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und ist als Inklusionsbewegung anerkannt. Worauf gründet sich diese Reputation und was sind die wichtigsten politischen Aufgaben des Verbandes in den kommenden Jahren?

Die gute Reputation hat sich SOD in den vergangenen Jahren hart erarbeitet. Es ist das Gemeinschaftswerk unsere Hauptamtlichen - allen voran möchte ich hier Sven Albrecht mit seinem Team nennen - und dem Präsidium sowie der Ehren- und Hauptamtlichen auf Länderebene. Unsere Fachausschüsse und Arbeitsgruppen bringen dabei ihre große Expertise mit ein. Die UN Behindertenrechtskonvention, verbunden mit einer intensiven gesellschaftlichen Debatte zur Inklusion gibt SOD zusätzlichen Schwung, sich zugleich als der Sportverband für Menschen mit geistiger Behinderung und als Alltagsbewegung für Inklusion sowie als wichtiger Interessenvertreter weiterzuentwickeln. Für diesen strategischen Ansatz finden wir auch in der Politik immer mehr Freunde und Unterstützer.
In den kommenden Jahren kommt es darauf an, dass SOD seine Position als Spitzenverband im organisierten Sport einnehmen und festigen kann.

Wie beurteilen Sie den Stand von SOD im internationalen Kontext, als SOI-Programm?

SOD hat bei SOI eine hervorragende Stellung. Unsere sehr systematische und fachlich profunde Entwicklung wird geschätzt. Die derzeitige Chefin von SOI, Mary Davis, hat im vergangenen Jahr an der Sitzung unseres Nationalen Komitees teilgenommen und ihre Wertschätzung deutlich ausgedrückt. SOI möchte gerne, dass wir in Deutschland die Weltsommerspiele von Special Olympics durchführen. Hier sind wir in der Prüfung.

Wer sind Ihre Mitstreiter, denen Sie anlässlich der 25 Jahre danken möchten?

Ich bin ja selbst noch nicht so lange dabei und erst seit zwei Jahren Präsidentin von SOD. Mit dem aktuellen Präsidium habe ich einen "Sechser im Lotto" gezogen. Alle sind, wie viele andere engagierte Menschen bei SOD, begeistert bei der Sache. Von den „langjährigen“ Mitstreitern möchte ich drei Personen besonders hervorheben: unseren Ehrenpräsidenten Gernot Mittler. Ihm danke ich dafür, dass er mich für dieses wunderbare Ehrenamt als Präsidentin von Special Olympics Deutschland vorgeschlagen hat. Und meine beiden Kollegen Bernhard Conrads und Brigitte Lehnert möchte nennen: ohne sie wäre auch die 25 Jahr Feier von SOD nicht so gelungen, wie wir sie jetzt erleben dürfen.

Wenn Sie heute zurückblicken auf die Zeit bei SOD – was ist für Sie der größte Erfolg in der Entwicklung von SOD, was macht Sie vielleicht persönlich stolz, weil Sie wesentlich daran beteiligt waren bzw. sind?

Der gelungene Ausbau der politischen und gesellschaftlichen Vernetzung von SOD ist in den letzten zwei Jahren rasant vorangekommen. Die Zahl unserer Anhänger, Freunde und Förderer ist stark gewachsen. Das gilt gleichermaßen für die Seite des Sports als auch der Politik. Mit dem Einstieg in die Förderung der Sportjahresplanung durch das BMI ist ein sehr wichtiger Meilenstein gelungen.
Zugleich empfinde ich, dass das Selbstbewusstsein unserer Athleten weiter zunimmt. Stellvertretend möchte ich unserem Athletensprecher Mark Solomeyer für seinen Einsatz sehr herzlich danken.

Wie lautet Deine kürzeste Formel für Inklusion im und durch Sport?

"Gemeinsam stark“ - das sagt doch alles.

Was sind die vordringlichsten Aufgaben für SOD um bzgl. Inklusion weiter voranzukommen?

Es ist sehr wichtig, verstärkt in der Fläche, also in den Bundesländern und Kommunen aktiv zu sein, damit das Wunsch- und Wahlrecht unserer Athleten nicht nur auf dem Papier steht, sondern täglich gelebt werden kann. Ein wichtiger Schlüssel liegt dabei in dem weiteren Ausbau unserer Bildungsangebote. Grundvoraussetzung sind dafür die Förderung und Absicherung der Arbeit unserer Landesverbände.
Unsere Athletinnen und Athleten sollen dabei noch stärker in die Gestaltung der Verbandsarbeit eingebunden werden. Programme wie Unified Sports®, Healthy Athletes® und das Familienprogramm erweitern unser Angebot. So können wir Inklusion, Teilhabe und Selbstbestimmung mit den Mitteln des Sports umsetzen. Die konkrete Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes werden wir weiter kritisch begleiten.

Was wünschen Sie SOD und dem SOD-Team für die Zukunft?

Dass wir alle unsere strategischen Ziele erreichen und die Begeisterung bei Haupt- und Ehrenamtlichen weiterhin stark bleibt. So werden wir gemeinsam viel Freude haben.


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