Björn Stenner, Nationaler Koordinator für Leichtathletik bei SOD

Von unseren Athleten können wir sehr viel lernen!

Björn Stenner ist SOD-Koordinator für die Sportart Leichtathletik und seit vielen Jahren für Special Olympics ehrenamtlich tätig. Im Interview spricht er über persönliche Erlebnisse, die Motivation für sein ehrenamtliches Engagement und die Entwicklung der Leichtathletik bei SOD.

Wie sind Sie seinerzeit auf Special Olympics aufmerksam geworden?

Ich arbeite seit 1986 in verschiedenen Sportvereinen zunächst als Übungshelfer und später dann als Übungsleiter für Menschen mit Behinderungen. 1989 haben wir mit unseren Athleten die Sportveranstaltung „Mein Olympia“ in Bayern besucht. Über die Bundesvereinigung der Lebenshilfe in Marburg haben wir dann von Special Olympics erfahren. Meine Mutter war dann 1991 kurz vor den damaligen Weltspielen in Minneapolis & Saint Paul / USA mit auf der Gründungsversammlung von Special Olympics Deutschland e.V.!

Können Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz für SOD erinnern?

Mein erster Einsatz war dann auch gleich die Teilnahme an den Special Olympics Worldgames in Minneapolis & Saint Paul / USA als Coach in der Leichtathletik. Dies war etwas ganz besonderes, da unter anderen zwei Athleten meines Heimatvereins mit dabei waren – einer davon mein Bruder Lars-Michael (mittlerweile gerade 50 Jahre alt geworden).

Was hat Sie in dieser Zeit am meisten beeindruckt?


Special Olympics ermöglicht Athleten mit geistiger Behinderung der Gesellschaft zu beweisen, dass sie in der Lage sind, großartiges zu leisten. Sie beherzigen das Motto von Special Olympics mit ehrlicher Überzeugung. Als mein Bruder Lars-Michael bei den Worldgames 1991 einen 4. Platz im Weitsprung errang, hat er vor Freude so sehr geweint, dass selbst mir die Tränen liefen. Ein ganz besonderer Moment, den ich nie vergessen werde.

Was sind Ihre Aufgaben als Nationaler Koordinator?

Als Nationaler Koordinator habe ich viele interessante, herausfordernde, komplizierte aber auch schöne Aufgaben. Neben den organisatorischen Aufgaben der Wettbewerbe in der Leichtathletik bei den Nationalen Spielen, wie auch jetzt 2014 wieder in Düsseldorf, besuche ich auch verschiedene Regionale Spiele und Veranstaltungen hauptsächlich in der Leichtathletik. Dort greife ich oft auch unterstützend unter die Arme.

Bei den Nationalen Spielen habe ich ein mittlerweile umfangreiches Orga-Team um mich geschart, das mich großartig unterstützt. Ohne sie könnte die große Anzahl von Athleten (über 700) gar nicht so tolle Wettbewerbe haben.

Für internationale Special Olympics Veranstaltungen, wie die Europäischen oder Weltspiele, organisiere ich Sichtungs- und Trainingsseminare, um Athleten und Trainer kennenzulernen und gezielt auf die Veranstaltungen vorzubereiten.

Zudem gibt es viel spezifische Fragen zur Leichtathletik von Einrichtungen und Vereinen sowie aus der sehr gut arbeitenden Bundesgeschäftsstelle, die per Mail oder am Telefon beantwortet werden müssen. Wie gesagt, herausfordernd, aber trotzdem mache ich es sehr gerne. Nicht nur die Athleten schenken es einem mit viel Dank zurück, was man an Arbeit in Special Olympics investiert.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Sportentwicklung bei SOD in den kommenden Jahren?

Die größten Herausforderungen bleiben mit Sicherheit die Etablierung möglichst vieler regionaler Veranstaltungen in allen Bundesländern in möglichst vielen Sportarten. Einige Bundesländer sind da schon auf dem richtigen Weg, andere brauchen da noch etwas Zeit und viel Unterstützung.
Auch wir Nationalen Koordinatoren lernen, wie alle, die für Special Olympics arbeiten, bei jeder Veranstaltung weiter dazu und geben unser Wissen und unsere gewonnenen Erfahrungen stets weiter. Das alles sind Prozesse, die die Sportentwicklung fördern und uns alle weiter fordern.

Wie schätzen Sie die Entwicklung bzgl. Unified Sport bei SOD ein? Welche Voraussetzungen sind nötig, um diese Angebote auch in der Leichtathletik weiter auszubauen?

In der Leichtathletik läuft ja gerade das Unified Sports® Laufprojekt "Gemeinsam läuft's besser“ in Kooperation mit Lift Apfelschorle in sechs Bundesländern. Ich halte dies für ein gelungenes Projekt, um Unified Sport weiter voranzubringen und Menschen mit und ohne Behinderung aufeinander zuzubringen.

Bei den Nationalen Spielen haben wir bereits wieder einige Anmeldungen für die Unified Staffeln über 4x100m und 4x400m. Und vielleicht lässt sich das Laufprojekt auch in die Wettbewerbe über 5.000m oder 10.000m in naher Zukunft integrieren. Dazu bräuchte man aufgrund der schon sehr großen Athletenzahl bei den Nationalen Spielen eventuell einen Tag mehr für die Wettbewerbe, da wir im Zeitplan jetzt schon sehr an der Grenze des Möglichen sind.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Sportart in den letzten Jahren ein? 

Ich bin ja seit den ersten Nationalen Leichtathletikveranstaltungen mit dabei,  und es war immer schon eine sehr beliebte Sportart bei Special Olympics. Seit den ersten Nationalen Spielen ist die Athletenzahl stetig gestiegen, bis das Limit von gut 700 Athleten erreicht war. Mehr gibt der derzeitige Organisationsrahmen nicht her.

Ohne die ganzheitliche Nutzung von GMS würde die mögliche Teilnehmerobergrenze bestimmt nur bei knapp 500 Athleten liegen. Von daher ist GMS ein enormer Vorteil für uns und damit auch für die Athleten, weil wir so möglichst vielen Athleten die Teilnahme an den Nationalen Spielen ermöglichen können.

Aber nicht nur das Teilnehmermanagement hat sich qualitativ verbessert, sondern auch das Zusammenspiel von Organisation, Kampfrichtern und den enorm wichtigen freiwilligen Helfern. Für die Durchführung der Nationalen Spiele in der Leichtathletik brauchen wir insgesamt über 200 dieser freiwilligen Helfer, Kampfrichter und das mehr als 10 Personen umfassende Orgateam.

Da wir nun fast in jedem Bundesland regionale Leichtathletikveranstaltungen haben, sind nun unlängst auch die Athleten, Trainer und Betreuer besser vorbereitet. In einigen Einrichtungen haben sich Trainingsinhalte verändert, es wird intensiver und spezifischer trainiert. Wohl auch durch das Bewusstsein, das man sich über die Nationalen Spiele auch für internationale Veranstaltungen von Special Olympics qualifizieren kann. Auch eine steigende Zunahme an qualifizierten Übungsleitern und Trainern ist zu erkennen.

Wie sind Sie zur Leichtathletik gekommen? Was fasziniert Sie an dieser Sportart?

Ich bin in der Grundschulzeit zur Leichtathletik gekommen. Meine Mutter war aktive Leichtathletin und viele meiner Mitschüler waren in einem Sportverein aktiv. Ich ging mal zum Training mit und bin dabei geblieben. Als Aktiver aber nur bis zu diversen Knieverletzungen, danach entschied ich mich als Übungsleiter meine Erfahrungen an Athleten mit geistiger Behinderung weiterzugeben.

Faszinierend an der Leichtathletik finde ich, dass man immer wieder an seine Leistungsgrenzen herankommt, diese sich aber bis zu einem gewissen Grad immer weiterentwickelt bis ins hohe Alter. Zudem gibt es eine Vielzahl von Disziplinen, seien es Laufdisziplinen oder die technischen Disziplinen. Es ist eine Individualsportart, die man aber sehr gut in homogenen und heterogenen Gruppen trainieren kann und als Krönung gibt es die Staffelwettbewerbe, wo man als Team / Unified Team an den Start gehen kann.

Was wünschen Sie sich für die Special Olympics Düsseldorf 2014?

Ich wünsche mir für die Nationalen Spiele 2014 in Düsseldorf an erster Stelle schönes Wetter, denn dann machen die Leichtathletik Wettbewerbe besonders viel Spaß. Dazu, dass alles reibungslos abläuft, sich niemand verletzt und jeder Athlet möglichst sein Bestes geben kann. Ich denke, so werden es für alle Beteiligten schöne Spiele, für die hauptamtlichen Organisatoren, für die vielen ehrenamtlichen Helfer, für die Kampfrichter und auch für alle Betreuer und Trainer – speziell aber für ALLE ATHLETEN!

Was machen Sie beruflich, was sind Ihre Aufgaben?

Beruflich arbeite ich sein 1997 als Erzieher an einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Seit diesem Schuljahr an einer wohnortnahen Schule, dort in einer Oberstufenklasse mit zurzeit 8 sehr heterogenen Schülerinnen und Schülern. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß und Freude, zumal die Schule auch an Special Olympics Veranstaltungen teilnimmt.

Können Sie, was die Inhalte angeht, in Ihrer beruflichen und der SOD-Arbeit Zusammenhänge herstellen bzw. wechselseitigen Nutzen ziehen?

Für die Nationalen Spiele in Düsseldorf bereite ich gerade mit zwei Kollegen Schüler für die Roller Skating Wettbewerbe vor. Die Schüler werden sehr gut vorbereitet und hochmotiviert an den Start gehen. Von daher trage ich den Gedanken von Special Olympics in meine berufliche Arbeit mit hinein.

Ausgehend von Ihren Erfahrungen - was können Menschen ohne Behinderung von Menschen mit geistiger Behinderung lernen?

Ich sage dazu nur: Ehrlichkeit, Offenheit sowie gegenseitige Akzeptanz und Toleranz.
…von unseren Athleten können wir sehr viel über diese Themen lernen!

Was ist Ihre Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren? 

Als Vorbild/Motivation zum ehrenamtlichen Engagement dienten mir meine Eltern, die mir dieses vorlebten. Ich habe es verinnerlicht und bekomme gerade von den Menschen mit Behinderung sehr viel an Freude und Dank entgegengebracht, dass es mich immer weiter motiviert, diese Arbeit fortzuführen - und das seit weit mehr als 25 Jahren. Der zeitliche Aufwand ist oftmals sehr hoch, aber irgendwie vermischt sich das Ehrenamt mit dem Hobby. Sowohl die alte Schule als auch die Neue wissen von meinem Ehrenamt und fördern dieses.

Treiben Sie auch selber Sport?

Neben „couching“ fahre ich gerne Inline-Skating und gelegentlich mit dem Fahrrad. Dazu mache ich bei den Trainingseinheiten mit meinen Athleten die Übungen mit, sei es in der Leichtathletik, beim Schwimmen oder in der Schule, zurzeit in der Ausdauer-AG und beim Inline-Skating. Entspannung und Abschalten kann ich gut beim Segeln mit einem ehemaligen Kollegen in der dänischen Südsee.

Was interessiert Sie noch außerhalb des Sports?

Ein interessantes Buch, ein spannender Tatort, ein Kater und eine Katze, der Garten und alle Orte, die ich noch nicht bereist habe – und natürlich meine Familie und meine Partnerin.


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