SOD: Britta, warum ist Sport und Bewegung für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung so wichtig?
Britta Ernst: Sport und Bewegung sind für alle Kinder und Jugendlichen bedeutend. Sport und Bewegung sind wichtig für ein gesundes Aufwachsen, machen vor allem aber Spaß. Wer in der Jugend gute Erfahrungen mit Sport und Bewegung gemacht hat, kann als erwachsene Person darauf aufbauen. Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung müssen leider große Hürden überwinden. Nur wenige Vereine haben Angebote für diese Gruppe.
Die Erfahrungen zeigen, dass es vor allem vom Engagement der Eltern abhängt, ob Kinder und Jugendliche Sport treiben. Welche Rolle spielt aus deiner Sicht die Schule?
In der Tat sind es vor allem die Eltern, die sich engagieren, und zum Beispiel Vereine motivieren, Angebote für ihre Kinder mit geistiger Behinderung zu organisieren. Die Schulen können eine größere Rolle spielen. Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit geistiger Behinderung besucht Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Dort sind alle Kinder zu erreichen. Wichtig wäre es, wenn durch Kooperationen zwischen den Schulen und Vereinen diesen Kindern auch Angebote zusätzlich zur Schule gemacht werden können, erst recht für die, die sich für einen bestimmten Sport besonders begeistern. Dass das gelingt, sollte nicht nur vom Engagement der Eltern abhängen.
Du warst viele Jahre Bildungsministerin in Schleswig-Holstein und Brandenburg und kennst dich aus. Wie steht es also um Sport- und Bewegungsangebote für junge Menschen mit geistiger Behinderung in Schulen?
Sportunterricht steht auch für diese Schülerinnen und Schüler auf dem Stundenplan. Diese Schülerinnen und Schüler sind allerdings sehr unterschiedlich. Es ist eine große Herausforderung, für alle Kinder in den Schulen passende Angebote zu machen. Angesichts der Bedeutung von Sport und Bewegung wäre es aus meiner Sicht hilfreich, wenn sie in der sonderpädagogischen Ausbildung eine prominentere Rolle spielen. Außerdem sollten Kooperationen mit Sportvereinen gesucht und auch gemeinsame Sportwettbewerbe mit anderen Schulen veranstaltet werden.
Warum fehlen bisher aussagekräftige Studien zum Thema Schulsport für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung?
Die Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit geistiger Beeinträchtigung wird in keiner der großen Studien für Jugendliche oder Schülerinnen und Schüler erfasst. Für diese Gruppe sind die vorhandenen standardisierten Fragebögen oder andere heute verwendete Methoden nicht geeignet. Daher gibt es eine große Lücke in der empirischen Forschung. Die erste PISA-Studie wurde 2001 veröffentlicht, seitdem hat sich an den Schulen viel zur systematischen Verbesserung des Unterrichts getan. Da wir keine Untersuchungen für diese Gruppe haben, wissen wir nichts über den Stand und die Entwicklung von Kompetenzen dieser Kinder und Jugendlichen. Das betrifft nicht nur den Sport, sondern alle Kompetenzen, zum Bespiel auch in Deutsch oder Mathematik. Daher gibt es auch keine Grundlage, um systematische Schlussfolgerungen zur Verbesserung des Unterrichts zu ziehen. Diese Lücke in der Forschung muss über 25 Jahre nach Veröffentlichung der ersten PISA-Studie dringend geschlossen werden.
SOD verfügt über große Erfahrungen und viel Wissen zur Inklusion im Sport. Welchen Beitrag können wir für die Erarbeitung einer Studie leisten?
Wir können einen wichtigen Beitrag leisten. Schon seit längerem beschäftigen wir uns mit den Möglichkeiten für einen inklusiven Schul- und Vereinssport. Als ein Beispiel möchte ich unsere Unterrichtsmaterialien für Lehrerinnen und Lehrer sowie Vereine nennen. Diese Anleitungen gibt es in analoger und digitaler Form. Für fünf verschiedene Sportarten bieten wir Projektskizzen für inklusiven Sport an. Dort wird kleinteilig und niedrigschwellig beschrieben, wie Angebote für das gemeinsame Sporttreiben von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung organisiert werden können. Außerdem verfügen wir über ein breites Wissen, das aus der Organisation von zahlreichen Landesspielen und Nationalen Spielen resultiert. Deshalb bieten wir sehr gern unsere Unterstützung an. (Interview: Hartmut Augustin)
