Es schien fast so, als ob sich das Wetter nochmal richtig austoben wollte, bevor die zweiten Landesspiele von Special Olympics (SO) im Saarland an jenem Montag zur Eröffnung schritten. Am frühen Vormittag ergossen sich noch heftige Regenschauer über dem SPORTCAMPUS SAAR in Saarbrücken, wo in fünf von acht Sportarten das Gros der Wettkämpfe bei der zweiten Auflage nach 2017 stattfand. Doch alle kurz aufkommenden Sorgen waren unbegründet: Geradezu pünktlich mit Beginn des offiziellen Programms ab 9 Uhr schloss der Himmel seine Schleusen – und die Pforte für die Landesspiele öffnete sich unter zumindest heiter bis wolkigen Bedingungen, ehe gegen Abend beim feierlichen Fackellauf in Neunkirchen sogar die Sonne mit ganzer Strahlkraft zum Vorschein kam.
Startschuss am Sportcampus: Mit viel Sport, bester Stimmung und manch warmem Wort
Auf dem Sportcampus-Gelände durchdringt am Vormittag ein lauter Knall die Umgebung. Im Leichtathletik-Stadion ist gerade einer der vielen Staffelläufe gestartet worden. Die Athleten laufen los, was das Zeug hält. Der Stab wandert sicher von Hand zu Hand und ins Ziel, wo bei allen Beteiligten Zufriedenheit und Freude mitschwingen – zumindest in diesem Fall. Wenig später auf der Bühne im Stadion: Alexander Indermark, der Präsident von Special Olympics im Saarland, Giulia Schembri und Hanna Hohe vom SO-Athletenrat, Joachim Tesche als Vorstand des Landessportverband für das Saarland (LSVS), Innenminister Reinhold Jost, Bildungsstaatssekretärin Jessica Heide und Moderatorin Nadine Baethke von Special Olympics beschließen ihre Begrüßung mit einem lautstarken „Eins, zwei, drei – gemeinsam stark!“ – ein Motto, das überall an den sportlichen Schauplätzen der Landesspiele beherzigt werden sollte.
So auch beim Basketball, wo das Programm am Montag mit einem Demonstrations-Wettbewerb in der Variante 3x3 und im Unified, also dem Zusammenspiel von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, unterhaltsam begann. Das Turnier sorgte unter großem sportlichen Einsatz für viel Begeisterung. Tags darauf freuten sich die Gäste aus Luxemburg über ihren Triumph im offiziellen Wettkampf der Landesspiele. Doch auch die saarländischen Teams von den Saar Panthers und des CJD Homburg, das den Anerkennungs-Wettbewerb für die Nationalen Spiele 2026 bestritt, waren voll zufrieden. „Wir waren alle richtig gut“, freute sich Panthers-Trainerin Michaela Haupenthal über ein schönes Turnier, in dem jeder zeigen konnte, was er auf dem Court draufhat. Das taten ab dem zweiten Tag der Landesspiele die Athlet*innen nebenan in der Bogenhalle, wo die Wettkämpfe der Rhythmischen Sportgymnastik stattfanden – auf einer Bühne der großen Emotionen. Da hatte SO-Präsident Alex Indermark im Vorfeld nicht zu viel versprochen, indem er sagte: „Die Rhythmische Sportgymnastik ist immer ein Höhepunkt, weil es so emotionsgeladen zugeht.“
Medaillen-Höhepunkte, wichtige Wertschätzung – und der Spaß an erster Stelle
Große Emotionen auch im Leichtathletik-Stadion, wo Max von der Schule Winterbachsroth in Dudweiler im 100m-Lauf, mit der Staffel und beim Weitwurf im Einsatz war. „Es war gudd, 14 Meter hann ich geschmiss, dritter Platz“, verrät der 15-Jährige lächelnd – und zeigt sichtlich stolz seine Medaille. „Die drei Tage waren sehr schön. Meine Medaille und die leckere Bratwurst waren meine Höhepunkte – und dass es halt alles so viel Spaß gemacht hat“, ergänzt Max. Ingo Gramlich, der die Athlet*innen aus Dudweiler mit betreut hat, kann dessen Einschätzung nur bestätigen: „Es war sehr schön, auch anstrengend natürlich – aber für die Schüler einfach ein Höhepunkt. Sie nehmen total viel mit. Für ihr Ego, für ihre Persönlichkeit. Sie beweisen sich im Wettkampf und bekommen Wertschätzung. Sie haben so einfach eine gute Zeit zusammen“, erläutert die pädagogische Fachkraft. Das bunte Rahmenprogramm, unter anderem mit der Mitmach-Meile auf dem Sportcampus, dem Special Olympics-Gesundheitsprogramm „Healthy Athletes“, einem wettbewerbsfreien Angebot oder dem Grillabend mit Innenminister Reinhold Jost, kam nicht nur bei ihm sehr gut an. Für Gramlich steht fest: „Öffentlichkeit für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung ist sehr wichtig“ – und die Landesspiele boten dahingehend eine sehr gute Bühne.
Das sieht Innenminister Jost nicht anders: „Für Menschen, die das Glück haben, besonders zu sein, ist es die Gelegenheit zu zeigen, was sie können und auch eine Wertschätzung zu bekommen für das, was sie tun“, verweist er auf die besondere Bedeutung der zweiten saarländischen Landesspiele, um den Blick dann auf das noch viel größere Ereignis im Juni nächsten Jahres zu lenken: „Die Nationalen Spiele sind eine Sache des Charakters, des Statements und der Überzeugung: Ihr gehört mit dazu“, unterstreicht Jost. Vom 15. bis 20. Juni 2026 werden bei den Nationalen Spielen in 27 Sportarten Wettkämpfe stattfinden, die an Schauplätzen im ganzen Saarland und in Forbach rund 4500 Athlet*innen und insgesamt 13000 akkreditierte Personen beherbergen. Es ist laut Jost „für das Saarland die Chance zu zeigen, dass wir das Bundesland mit dem größten Herzen sind. Wir wissen, wie man Menschen wieder zufrieden und glücklich nach Hause gehen lässt. Dass sie am Ende dieser Nationalen Spiele zurückfahren und sagen: Boah, das war klasse, da fahren wir wieder hin – diesen Anspruch haben wir, den wollen wir erfüllen“, betont der Minister. Und auch Max hat diesen Höhepunkt schon fest vorgemerkt: „Da freue ich mich auch schon sehr drauf.“
„Keiner ist als Verlierer raus“: Ein buntes „Fest der Inklusion“, das nur Gewinner kennt
Gleiches gilt für Salwa von der Dillinger Schule am Ökosee, die bei den Landesspielen im Leichtathletik-Stadion laufend, werfend und springend unterwegs war. „Laufen war mein bester Wettkampf, die 400 Meter, eine schwere Strecke – aber ich bin Erste geworden“, verrät die 14-Jährige mit leuchtenden Augen. Ihr Erfolgsrezept? „Ich laufe einfach sehr gerne“, lächelt Salwa. Ihr Mitschüler Jamie hat nebenan in der großen Halle 8 im Boccia sogar „zwei Medaillen gewonnen, eine am Dienstag, eine am Mittwoch“, wie der 14-Jährige stolz verkündet. Und eine mit Myles, der mit Jamie im Unified-Wettbewerb antrat. Der 24-Jährige hat gerade eine Ausbildung zum Erzieher begonnen. Über sein Vorpraktikum an der Dillinger Ökosee-Schule wurde er auf Special Olympics aufmerksam – und blickt auf eine lohnende Erfahrung: „Die Veranstaltung war zunächst mal an sich sehr interessant. Und sie war auf jeden Fall sehr schön, ein großes Fest der Inklusion. Jeder hat Spaß gehabt, keiner ist als Verlierer rausgegangen, das war wichtig – alle sind glücklich“, gab Myles seine Eindrücke zum Besten. Er wäre zu gerne bei den Nationalen Spielen in wenigen Monaten wieder dabei. Darauf hofft auch Jamie: „Wir hatten viel Spaß zusammen“, unterstreicht er, während sich sein Mitschüler und Teamkollege Elias über den Gewinn einer Silber- und Bronze-Medaille sichtlich freut: „Es war gut. Wir haben 7:1 gewonnen“, hebt der 15-Jährige einen besonderen Sieg auf einer der fünf Bahnen im Boccia-Bereich in Halle 8 hervor.
Direkt neben Boccia sind am Montag und Dienstag die Tischtennis-Athlet*innen bei den Landesspielen im Einsatz, genau dort, wo sonst in der internationalen Trainingsgruppe des 1. FC Saarbrücken-TT Tischtennis-Stars aus aller Welt, neuerdings bekanntlich der chinesische Olympiasieger Fan Zhendong, an die Platte treten. Teilweise wird an allen elf aufgestellten Tischen parallel gespielt. Wenige Kilometer nördlich finden bei der DJK Sulzbachtal die Wettbewerbe im Tennis statt – dort, wo Joachim Tesche wie angekündigt in spezieller Mission anzutreffen ist: „Ich werde unserem wehrten Kollegen Christof beim Tennis zuschauen und die Daumen drücken – das ist mein persönliches Highlight“, hatte er bei der Begrüßung auf entsprechende Nachfrage erzählt. Das Daumendrücken sollte helfen, denn Christof freut sich nach wie vor diebisch über den Gewinn einer Silbermedaille. Das Thema Inklusion sei ein sehr bedeutendes für den Landessportverband, die Entwicklung laut Tesche positiv: „In den letzten Jahren hat der saarländische Sport begonnen, Inklusion nicht nur als Einmal- oder Tages-Event zu denken, sondern es grundsätzlich in den Vereinen und Verbänden zu verankern. Die Landesspiele und die Nationalen Spiele sind auf diesem Weg sehr wichtig und hilfreich.“ Dennoch sei man noch keineswegs am Ziel: „Alex hat mal den schönen Satz gebracht: Wir haben den Job gut gemacht, wenn wir Special Olympics nicht mehr brauchen“, ergänzte der LSVS-Vorstand. Das sei „das Ideal, welches wir vielleicht nicht in fünf Jahren erreichen, aber tunlichst weiter auf dem Weg dorthin bleiben sollten. Dafür haben wir grandiose Voraussetzungen geschaffen.“
Berührungsängste abbauen, den Unified-Gedanken transportieren
Es sei besonders wichtig, nach wie vor aufkommende Berührungsängste abzubauen, damit Inklusion zu etwas ganz Normalem werden könne, erklärte Tesche und verwies auf eine Aktion mit dem Innenministerium, anhand der Übungsleiter geschult werden, wie eine gemeinsame Veranstaltung generell ablaufen könnte: „Das ist ein ganz zentraler Baustein, um Ängste abzubauen oder überhaupt zu wissen, wie man gemeinsam Sport treiben kann – ohne derlei Maßnahmen wird es wohl nicht gehen“, so Tesche. Jessica Heide blickte auf die Landesspiele als „wunderbares Fest“, bei dem „man sich nicht nur sportlich, sondern auch menschlich begegnet, mit dem Unified-Gedanken als zentralem Gedanken, den wir in unseren Alltag mitnehmen“, so die Staatssekretärin. „Ich glaube, es gibt viel zu sehen. Die Athleten muss man einfach gesehen haben, da lernt man auch was für sein eigenes Leben“, hatte Alexander Indermark zum Start der Landesspiele gesagt – und viele werden ihm im Nachhinein zustimmen. „Viele neue Menschen kennenlernen und dass die Spiele Spaß machen“, sagte Athletensprecherin Giulia Schembri im Vorfeld hinsichtlich ihrer Wünsche – und es sollte so kommen. „Es macht einfach Spaß, mit anderen Athleten zusammenzuspielen und sich mit anderen zu messen“, befand ihre Stellvertreterin Hanna Hohe, die als Basketballerin dabei war.
„Es war anstrengend, hat sich aber absolut gelohnt – es war eine grandiose Veranstaltung“, lautet am Schlusstag eine Stimme aus den Reihen der Organisation, die sich deckte mit der Meinung der meisten Athlet*innen und Gäste, die unter anderem aus Luxemburg, Baden-Württemberg oder Niedersachsen den Weg ins Saarland gefunden hatten. 31 Delegationen waren bei der feierlichen Eröffnung in der Gebläsehalle in Neunkirchen dem Publikum im vollbesetzten Saal vorgestellt worden, neben dem Special Olympics-Eröffnungszeremoniell sorgte ein buntes Bühnenprogramm für Begeisterung unter rund 800 Gästen. Ein lautstarkes „Danke“, angestimmt von Alex Indermark, hallte für das Trio der SO-Landes-Geschäftsstelle um Leiterin Xenia Hülsmann, Lara Niederelz und Yvonne Braun durch den Saal, stellvertretend für die vielen weiteren Unterstützer, die aus den Landesspielen eine letztlich gelungene Veranstaltung gemacht haben.
Große Hilfsbereitschaft als vielversprechender Fingerzeig für die Nationalen Spiele 2026
„Danke an alle, die geholfen haben. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr mit euch“, fand Hülsmann nicht zuletzt für die vielen freiwilligen Helfer anerkennende Worte. Die Resonanz war mit über 600 „Volunteers“ bei den Landesspielen „sehr positiv“ und ein wichtiger Fingerzeig Richtung Nationale Spiele, der alle Beteiligten hoffnungsfroh stimmt, die dann nötige Helferzahl von etwa 2500 Volunteers animieren zu können. Als einer der erfreulich vielen Freiwilligen ist Nicolas beim Tennis im Skill-Wettbewerb im Einsatz gewesen. In Sulzbach, fernab der Heimat im Landkreis München. „Ich bin seit den Weltspielen in Berlin regelmäßig als Volunteer bei Special Olympics-Veranstaltungen – auf jeden Fall auch nächstes Jahr“, sagt der 27-Jährige. Er sei nach drei intensiven Tagen „jetzt schon geschafft. Dennoch lohnt es jedes Mal, dabei zu sein. Es herrschte trotz guter Organisation das typische SO-Chaos – aber das gehört halt dazu und macht das Ganze ja auch so sympathisch“, meint Nicolas.
„Es war spitze“, zeigt sich Tamara Saar nach drei sportlichen und spannenden Special Olympics-Tagen beim Ausklang am Sportcampus Saar begeistert: „Unsere Schüler waren das erste Mal dabei – und es hat sich gelohnt. Sie fanden es alle toll. Und wir hoffen und drücken natürlich die Daumen, dass sie sich qualifiziert haben für nächstes Jahr“, sagt die Lehrerin der Schule am Webersberg in Homburg, die mit zehn Athlet*innen dabei war. „Ich fand’s gudd“, hält Leon nicht zuletzt wegen der Silbermedaille im 100m-Lauf fest. Die bekomme einen Ehrenplatz, verrät der 17-Jährige. Nico war vor seiner Premiere auf der Laufbahn „schon ein bisschen aufgeregt“, wie er zugibt. Hinterher konnte der 16-Jährige aus Homburg aber nur festhalten: „Es hat großen Spaß gemacht.“ Lias, der für die Saarpfälzer Delegation im 400m-Lauf antrat, nennt als Höhepunkt „die Eröffnungs-Party in Neunkirchen“, wo dem Zehnjährigen die Lichtershow der Magic Artists am besten gefiel. Er war einer von laut Jessica Heide 228 Schüler*innen unter den Athleten bei den Landesspielen, was einen im Bundesvergleich sehr hohen Anteil darstelle. Sie blickt hoffnungsfroh auf den Weg hin zu den Nationalen Spielen der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung: „Wir haben jetzt eine große Chance, die Gesellschaft noch mehr zu sensibilisieren und dahingehend zu animieren, dass sie Vielfalt als Stärke anerkennt.“ Die zweiten Landesspiele im Saarland waren nur ein wichtiger Schritt. Am Sportcampus Saar in Saarbrücken und den weiteren sportlichen Schauplätzen mit Schwimmen in St. Ingbert, Rollerskating in Schiffweiler und Tennis in Sulzbach machten es viele so, wie Innenminister Jost es vorgeschlagen hatte: „sich anstecken lassen von purer Freude. Von Menschen, die sich ohne Probleme darüber freuen, dass sie vielleicht nicht den ersten, zweiten oder dritten Platz gemacht haben. Sondern einfach darüber, dass sie dabei waren und das Gefühl hatten, man nimmt sie ernst“ – was für die Landesspiele galt, gilt im kommenden Juni für die Nationalen Spiele, bei hoffentlich bestem Wetter.
Hier geht es zu den Download-Dateien der Ergebnislisten von den Wettkämpfen der Landesspiele.
