26.06.2020 08:33 Uhr

Nachgefragt: Bei Dr. Isabell Pott, Inklusionsbeauftragte des Segler-Vereins Braunschweig e.V.

In unserer Interview-Reihe #Nachgefragt berichtet Dr. Isabell Pott, Inklusionsbeauftragte des Segler-Vereins Braunschweig e.V., über ihre Erfahrungen mit Inklusivem Segeln.

Dr. Isabell Pott, Inklusionsbeauftragte des Segler-Vereins Braunschweig e.V.

Seit wann gibt es Inklusives Segeln beim Segler-Verein Braunschweig und wie haben haben Sie dieses Projekt bereits umgesetzt?

Wir haben im Sommer 2019 mit einem Schnuppernachmittag angefangen, bei dem sich interessierte Beschäftigte der Mehrwerk gGmbH, einer Gesellschaft der Ev. Stiftung Neuerkerode, bei uns im Segler-Verein Braunschweig umschauen konnten. Es wurden Rettungswesten anprobiert, der Ausbildungssteg auf dem Südsee erkundet und der erste Mutige hat sich auch schon auf das Wasser getraut und genoss sichtlich das Segelerlebnis. Danach folgte erst einmal die Koordinierungsphase mit Projektaufstellung, Personenauswahl (per Los: 6 aus 26!) und Spendenaktionen. Im September konnte dann unsere "Luise", ein Katamaran Topcat K1, zu Wasser gelassen werden und das richtige Training mit drei Trainern und einem Betreuer beginnen.

Wieso ist gerade der Segelsport gut geeignet für die Inklusion kognitiv beeinträchtigter Menschen? Welche Erfahrungen können sie dabei machen?

Segeln bedeutet intensive Körpererfahrung in der Natur. Boote bewegen sich, die Bewegungen müssen ausgeglichen oder verstärkt werden. Der Wind als ökologischer Motor der Fortbewegung beim Segeln hinterlässt zahlreiche Sinneseindrücke bei den Seglern – Winddruck auf der Haut und in den Haaren, Geräuschempfinden, Abkühlung oder Kälte und bei dauerhafter Einwirkung auch stärkere Durchblutung der Hautoberfläche von Gesicht und Händen. Ergänzend bewegen sich Boote dreidimensional auf dem Wasser und der Segler kann nicht den Wind aber seine Segel- und Ruderstellung verändern, um Fahrtrichtung und auch Krängung des Bootes zu beeinflussen. Das persönliche Kontrollerleben beim Steuern eines Bootes ist hoch und die Lerngewinne im Sinne des Zutrauens in eigene Handlungskompetenz reichen weit über den Wassersport hinaus in andere Lebensbereiche. Bereits wenige Stunden des Segelns hinterlassen tiefe Eindrücke und vor allem nachhaltige Entspannung und verstärktes Selbstvertrauen bei den Seglern.

Gibt es Hürden für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und wie gehen Sie damit um?

Herausfordernd kann das Bewusstsein sein, sich über dem Wasser zu bewegen. Sinnvoll ist da, wenn die Segelschüler schwimmen können und ihnen das Element Wasser vertraut ist. Unabdingbar sind dabei geeignete Rettungswesten.
Ein Boot hält auch nicht still, wenn man es betritt. Das Schaukeln und Krängen muss man ertragen, bzw. dem auch körperlich begegnen, sich aber auch mit einer „fremden“ Hand helfen lassen.
Ein anderes ständig veränderndes Moment ist das Wetter, bzw. der Wind. Manchmal traut sich ein Schüler die Verhältnisse am Steuer nicht zu. Hier ist es von großer Bedeutung, dass er das artikuliert und die Trainer ihn dann entweder ermutigen oder aber eine für ihn angenehmere Rolle in der Gruppe finden können.
Windstille muss demgegenüber auch gemeistert werden. Oder ein Segel-Manöver hat nicht so geklappt wie gedacht. Dem Stolz eines schönen, gelungenen Segeltörns steht auch die Enttäuschung über misslungene Manöver gegenüber. Solche Aspekte werden immer in kleinen Abschlussrunden am Ende des Trainings wieder aufgegriffen oder im nächsten Training in Erinnerung gerufen. Dies hilft, die Freude am Tun nicht zu verlieren und die Vorfreude auf das nächste Mal zu fördern.

Das „Einüben“ der Positionen Steuermann und Vorschoter ist insgesamt von Bedeutung. Auf dem Boot ist es wichtig, dass klare Ansagen gegeben werden und das Handeln dann kurz und ehrlich bestätigt wird: „Klar zur Wende?“ – „Ist klar!“ Und dies sind dann die Anweisungen, bzw. Antworten unserer Segelschüler mit kognitiver Beeinträchtigung! Für sie eine völlig ungewohnte, aber verantwortungsvolle Situation, ohne die kein ordentliches Segel-Manöver klappt. Hier muss man sich also behaupten oder auch zurücknehmen können. Ein so großes Boot kann man nur gemeinsam beherrschen.

Wie sieht ein inklusiver Segel-Kurs ganz konkret aus?

Auf unserem Katamaran finden bis zu vier Erwachsene Platz. Somit hat jeder Athlet an seiner Position (Vorschoter bzw. Steuermann) ein Gegenüber oder Nachbar, der bei den Aufgaben unterstützen kann. Ein weiterer Trainer und der Betreuer begleiten auf dem Sicherungsboot, auf dem auch die weiteren Athleten am Training teilnehmen. Nach Bedarf wird meist auf dem Wasser gewechselt.

Von Beginn an liegt der Fokus auf dem eigenen Tun der Athleten. D.h. das Training beginnt mit dem Aufbau und dem Slippen des Kats ins Wasser. Dabei wird jede Hand benötigt und jeder findet eine Tätigkeit, die seinem Talent entspricht. Interessant ist, dass so nahezu nie etwas vergessen wird, denn jeder merkt sich seine Aufgabe genau und kann sie im Verlauf des Aufbaus einordnen. Nach dem Segeln wird so in gleicher Weise mit dem Abbau verfahren.

Auf dem Wasser werden dann auch die Ruderanlage und die Segel von den Athleten bedient. Der Segel-Kurs jedoch wird den Lerninhalten einer Trainingseinheit angepasst. So ist der Eindruck eines Amwind-Kurses, bei dem man sogar den Gegenwind spüren kann, ein komplett anderer als auf einem zügigen Vorwind-Kurs, bei dem das Großsegel seine ganze Pracht zeigen kann und regelrecht aufgeblasen scheint, man aber kaum Wind spürt.

Gibt es neben der Praxis auch einen Theorieteil für Ihre Segel-Schüler?

Theorie klingt immer ein wenig trocken, aber tatsächlich werden viele theoretische Aspekte des Segelns schon auf dem Wasser einbezogen. Kurse, Begriffe und besonders Seemannsknoten lernt man besonders intensiv, wenn man sie auch direkt braucht. Somit wird vieles im wöchentlichen Training beständig wiederholt.
In der Wintersaison haben wir natürlich keine Zeit auf dem Wasser, nutzen aber das Vereinsheim und die Anlagen für Fitnessübungen, Walking und für den „richtigen“ Theorie-Unterricht. Hier festigen wir die Abläufe mittels Bilder und Modellen. Da es keine speziellen Unterrichtsmaterialen für unsere Zielgruppe gibt, bauen wir auf Fantasie und handwerkliches Geschick.

Würden Sie andere Segel-Vereine ermutigen, ebenfalls inklusives Segeln anzubieten?

Es ist natürlich eine Herausforderung und ein Verein braucht Mitglieder, die Freude daran haben, unter den besonderen Voraussetzungen zu unterrichten. Unsere Erfahrung ist aber auch, dass aus dem ursprünglich charitativen Ansinnen eines gemeinnützigen Vereins ein Miteinander der Beteiligten geworden ist, bei dem beide Partner viel mitnehmen können. 

Welche Perspektive haben Sie für die Zukunft?

Leider sind unsere Perspektiven für die nahe Zukunft sehr ungewiss. Unsere Segelschüler wohnen zumeist in Wohngruppen und sind aufgrund der Corona-Pandemie sehr in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Unser Vereinsheim ist gesperrt und wir dürfen maximal zu zweit auf ein Boot. Es gibt zwar wieder Segelboote auf unserem See, aber an ein gemeinsames, inklusives Segeln in unserer gewohnten Trainingssituation ist leider noch nicht zu denken. Auch hier ist nun Fantasie gefragt und wir bauen auf weitere Lockerungen und den Wiedereinstieg ins Trainingsgeschehen.

Für die mittelfristige Zukunft möchten wir neben unserer Trainingsgruppe für „Anfänger“ eine inklusive Segelgruppe mit unseren segelnden Mitgliedern aufbauen, so dass wir Athleten und Unified Partner finden und zusammenbringen können. Bei Special Olympics Deutschland finden nun peu à peu die segelnden Sportgruppen aus verschiedenen Bundesländern zusammen und planen auch die ersten gemeinsamen Aktionen. Ziel ist natürlich eine Teilnahme an den World Games 2023 auf dem Wannsee!

Weitere Interviews aus der Reihe #Nachgefragt finden Sie hier:

Bei André Bock, MdL, sportpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion

Dunja Kreiser, sportpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen

Boris Pistorius, Niedersächsischer Minister für Inneres und Sport

Website Segler-Verein Braunschweig e.V.

 

 


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