Editorial

Von Prof. Dr. Manfred Wegner, Vizepräsident Special Olympics Deutschland für die Bereiche Bildung und Wissenschaft, Gesundheit und Sportentwicklung

Unseren Athletinnen und Athleten eine Stimme geben…

Alle Weichen sind gestellt für die Nationalen Spiele von Special Olympics Deutschland, die vom 19. bis zum 24. Juni in Berlin stattfinden werden. Die Athletinnen und Athleten freuen sich auf die Wettbewerbe, denn Covid-19 hat zu lange ihr Training und den Veranstaltungsbetrieb eingeschränkt. Die Vorbereitung vieler von ihnen ist vielleicht suboptimal, wie es Björn von Borstel, Nationaler Koordinator Leichtathletik SOD, auf dem Parlamentarischen Abend im Roten Rathaus am 28. April 2022 ausgedrückt hat. Dennoch ist die Euphorie grenzenlos für diese Nationalen Spiele, die auch gleichzeitig die Möglichkeit bieten, sich für die Weltspiele 2023 in Berlin zu qualifizieren.

Dieser Parlamentarische Abend, der vom Berliner Senat ausgerichtet wurde, beeindruckte durch die Statements der Bundesinnenministerin Nancy Faeser oder von Timothy Shriver, Präsident von Special Olympics International, oder aber den Worten der Athletensprecher Ian Harper als internationale Stimme und Mark Solomeyer, Athletensprecher SOD. Insgesamt standen die Athletinnen und Athleten von Special Olympics in dieser gelungenen Veranstaltung im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Timothy Shriver wandte sich in seiner Rede explizit an die Athletinnen und Athleten, die aufstehen sollten, Name und Sportart(en) vor allen Gästen nennen sollten und somit sich und ihrem Sport eine Stimme verliehen.

Am Ende des Parlamentarischen Abends gab es dann noch eine Überraschung. Da eine Übergabe der Special Olympics Fahne für die Weltspiele 2023 nicht im russischen Kazan nach Abschluss der Winterweltspiele möglich sein wird, wurde das Fahnenritual vor den versammelten Gästen abgehalten, eine würdige Zeremonie.

Neben den aktuellen Ereignissen, die die Special Olympics-Gemeinde bewegen, ist auch über einige bemerkenswerte Aktivitäten in den Fachgruppen Bildung und Wissenschaft, Gesundheit und Sportentwicklung zu berichten.

Beginnen wir mit dem Bereich Bildung und Wissenschaft. Zuallererst ist zu nennen, dass der Fachausschuss Wissenschaft nun von Werner Wiedemann verstärkt wird, der zukünftig im Sinne des partizipativen Forschens seine Erfahrungen aus dem Athlet*innenrat von SO Bayern in die Arbeit und Ausrichtung des FAW einbringen wird.

In der sehr engagierten Zusammenarbeit von Athleten*innen und Mitgliedern des Fachausschusses Wissenschaft ist eine wissenschaftliche Expertise zum Status Quo der Verwendung des Begriffs „Geistige Behinderung“ erstellt worden. In einer Athlet*innen-Befragung wurde von der AG Begriff ein Stimmungsbild erstellt, das in einem Folgeschritt um die Perspektive der Marketing- und Kommunikations-Expert*innen ergänzt werden konnte. Die AG Begriff wird dann diese Expertise dem Präsidium vorstellen und Vorschläge für einen zukünftigen Umgang mit dem Begriff bei SOD unterbreiten.

Zudem ist zu nennen, dass zum ersten Mal ein mehrjähriges Forschungsprojekt Im Bereich Unified Sports® durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) gefördert wird. Dabei sind Mitglieder des Fachausschusses Wissenschaft beteiligt, die in der Kooperation der Leuphana Universität Lüneburg und der Katholischen Hochschule Freiburg die Bedingungen im wettbewerbsorientierten Unified Sports® analysieren werden, um die Wettbewerbsangebote gemeinsam mit SOD weiterzuentwickeln.

Sichtbar werden diese und zahlreiche andere wissenschaftliche Projekte im Kongress SCIENCE 4 ALL SUMMIT, der am 19.06.2022 im Rahmen der Special Olympics Nationalen Spielen durchgeführt wird. Über 100 angemeldete Wissenschaftler*innen, Studierende und interessierte Athletinnen und Athleten werden Vorträge zu den Themen Partizipation und Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung und zur Inklusion im Sport erleben. Abgerundet werden die Präsentationen durch eine Podiumsdiskussion mit namhaften Experten und Expertinnen.

Aus dem Bereich Gesundheit sind einige bemerkenswerte Meilensteine zu nennen. So ist am 1. Januar 2022 das Projekt „Gesundheitskompetenzen für Menschen mit geistiger Behinderung stärken - Plattform Gesundheit leicht verstehen“ gestartet und wird bis Ende 2023 vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gefördert. Dieses Projekt ergänzt die SOD Plattform „Gesundheit leicht verstehen“, die seit 2019 online ist und bietet als barrierefreies Internetportal für gesundheitliche Themen eine Plattform für die Athleteninnen und Athleten in Leichter Sprache.

Die Plattform unterstützt darüber hinaus den Aktionsplan der Bundesregierung für ein inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen und ermöglicht eine niedrigschwellige digitale Teilhabe. Das Projekt hat den 1. Preis im Wettbewerb "Digitalpreises des Bundesverbandes Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. (CBP)" gewonnen - Herzlichen Glückwunsch!

Ein wichtiger Baustein zur Stärkung der Selbstvertretung von Menschen mit geistiger Behinderung erfolgt durch Schulung als Gesundheitsbotschafter*in. In Kooperation mit dem Local Organizing Committee der Special Olympics World Games Berlin 2023 sollen Athletinnen und Athleten aus den SO Landesverbänden dahingehend geschult werden, dass sie die Selbstvertretung im Gesundheitsumfeld wahrnehmen können. Dabei werden sie sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit übernehmen.

Kommen wir abschließend zum Bereich der Sportentwicklung. Die Vorbereitungen zur Einführung neuer Sportarten für die Jahre 2022 und 2023 sind angelaufen, u.a. mit der Ausschreibung und den ersten Planungsschritten der ersten SO Segelregatta in Deutschland im September 2022. Eine Randerscheinung der Covid-19-Pandemie zeigt sich in der Ausweitung digitaler Sportangebote durch SOD. So soll die SO Aktiv App weiterentwickelt werden und für die Videoreihe „SO Sportarten leicht erklärt“ gibt es weitere Folgen.

Insgesamt erweist sich die lange Zeit fehlenden Trainings oder aber des späten Einstiegs in ein systematisches Training als große Herausforderung für die teilnehmenden deutschen Delegationen. Im Umfeld der Nationalen Spiele Berlin 2022 werden Schulkooperationen und Schulprojekte im Sinne der Nachhaltigkeit vorbereitet. Die Nationalen Spiele dienen natürlich auch als Vorbereitung für die Weltspiele. So geht es um die Sicherung von Wissen im technologischen Bereich und um vorbereitende Planungen und den Wissenstransfer in der Absprache von SOD, der Organisationsgruppe der Weltspiele (LOC) und Special Olympics International (SOI).

Die hier aufgeführten Aktivitäten der drei Fachgruppen geben nur einen kleinen Einblick in die umfassenden Arbeiten, die in der Berliner Geschäftsstelle geplant und umgesetzt werden. Aus meiner Verantwortlichkeit im Präsidium war es mir wichtig, dies an dieser Stelle einmal zu beleuchten.

Als Einstieg in dieses Editorial hatte ich folgende Formulierung gesetzt: „ Unseren Athletinnen und Athleten eine Stimme geben…“. Dies hat Timothy Shriver hervorragend auf dem Parlamentarischen Abend geschafft.

Aber werfen wir einen Blick in die bereits genannten Aktivitäten, so sind diese ganz eng an der Partizipation und Teilhabe unserer Athletinnen und Athleten ausgerichtet. In unseren Fachausschüssen haben sie Sitz und Stimme, in Befragungen - so zum Begriff „Geistige Behinderung“ - ist ihre Meinung zentraler Bestandteil und Ausgangspunkt weiterer Überlegungen und im Kontext der Wissenschaft geht es um das Einbinden der Athletinnen und Athleten im Sinne der partizipativen Forschung.

Im Gesundheitskontext schulen wir Gesundheitsbotschafter*innen, die dann spezifische Aufgaben der Selbstvertretung im Gesundheitsumfeld übernehmen können und mit digitalen Angeboten im Sport- und Gesundheitsbereich können unsere Athletinnen und Athleten selbstbestimmt aktiv werden.

Dies sind alles Schritte und Aktivitäten einer umfassenden Inklusion, die unsere Arbeit bei Special Olympics auszeichnet. Stellen wir unsere Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt und hören ihnen zu, wenn sie sich und ihrem Sport eine Stimme geben.

Alles Gute

Ihr Manfred Wegner



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