Gastkommentar

Foto: Bernhard Link/Farbtonwerk
Foto: Bernhard Link/Farbtonwerk

Von Uwe Lübking, Beigeordneter beim Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) 

Wie Inklusion vor Ort gelingt 

Inklusion ist das erklärte Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention, die auch für Deutschland verbindlich ist. Gesellschaftliche Teilhabe bedeutet, dass alle Menschen unabhängig von Einschränkungen aktiv am sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben teilnehmen können. Während Inklusion eng gefasst ausschließlich die Teilhabe von Menschen mit Behinderung meint, bezieht Inklusion weit gefasst deutlich mehr Gruppen ein – Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete, Senior*innen, Kinder, Jugendliche und Frauen.

Mit Blick auf die Städte und Gemeinden bedeutet dies, dass jeder Mensch sich gleichberechtigt und unabhängig von Behinderung, sozialer Herkunft, Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung oder sonstiger individueller Merkmale und Fähigkeiten an allen gesellschaftlichen Prozessen vor Ort beteiligen können soll und gute Bedingungen zum Leben in seiner Kommune, oder noch genauer in dem Sozialraum, in dem er konkret lebt, vorfindet. Eine Stadt oder Gemeinde, in der es Möglichkeiten gibt, seine eigenen Ziele zu verfolgen und auch zu erreichen, in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, in Schule, am Arbeitsmarkt oder wo auch immer selbstverständlich ist. Ein Sozialraum ist der Ort, an dem Menschen konkret aufeinandertreffen, sich austauschen und zusammenwirken. Hier finden alltägliche Begegnungen zwischen Menschen jeden Alters, jeder Herkunft und jeden Aussehens statt.

Die Erfahrung und das tägliche Erleben zeigen, dass Inklusion nicht einfach so passiert und wir oft noch von inklusiven Sozialräumen entfernt sind. Es benötigt Rahmenbedingungen, damit sich Vielfalt, Teilhabe und gegenseitiger Respekt in den Städten und Gemeinden entfalten können. Die Vielfalt der Lebensformen erfordert z.B. differenzierte und zugleich passgenaue, barriere- und diskriminierungsfreie Angebote der Daseinsvorsorge für jede Lebenslage.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützt deshalb die Initiative „Kommune Inklusiv“ der Aktion Mensch. Kommune Inklusiv soll Modellansätze dafür entwickeln, wie sich lokale Inklusionsarbeit effektiv gestalten lassen könnte. Besonderes Augenmerk liegt auf der guten Vernetzung aller Beteiligten. Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sollen vor Ort eng als Netzwerk zusammenarbeiten.

Inklusion vor Ort gelingt nur, wenn die kommunale Verwaltung sie mitträgt. Sie muss von dem lokalen Inklusionsprozess überzeugt sein und ihn stützen und unterstützen. Die Verwaltung sollte sich dabei zu dem weiten Inklusionsbegriff bekennen. Inklusion setzt aber auch voraus, wenn Alt und Jung, Menschen mit und ohne Behinderung, Einheimische und Migrant*innen sich mit ihrer Lebenswelt auseinandersetzen und uns selbst Anstöße für notwendige Veränderungen geben. Erfolgreiche Inklusion ist auf gemeindliche Akteur*innen angewiesen, wie Vertreter*innen von gemeinnützigen Vereinen, Wohlfahrtsverbänden, Wirtschaftsunternehmen oder engagierte Mitbürger*innen.

Eine besondere Rolle kann dabei der Sport einnehmen. Der Sport wirkt bei Bildungs- und Erziehungsprozessen, der Inklusion und Integration, Gesundheitsförderung, Werteorientierung und Teilhabe für alle Bevölkerungsgruppen mit. Er ist unverzichtbarer Teil unseres kulturellen und sozialen Lebens. Bewegung, Spiel und Sport sind besonders gut geeignet, um das gegenseitige Verständnis von Menschen mit und ohne Behinderung zu stärken, sowie Vorurteile und Berührungsängste abzubauen. Es sollte das gemeinsame Ziel sein, allen Menschen eine selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am Sport sowie in den Strukturen des Sports zu ermöglichen und über den Sport eine Teilhabe an der Gesellschaft zu eröffnen. Städte und Gemeinden sollten in enger Abstimmung mit dem organisierten Sport, den Verbänden, wie Special Olympics Deutschland und allen anderen Beteiligten im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Voraussetzungen für eine inklusive Sportlandschaft schaffen, damit alle Menschen gemäß ihren individuellen Bedürfnissen Sport treiben und erleben können.

Die Special Olympics World Games 2023 und das in diesem Rahmen geplante „170 Nationen - 170 inklusive Kommunen / Host Town Program“ ist eine große Chance, den Gedanken der Inklusion breiter in die Öffentlichkeit zu tragen. Beim Host Town Programm werden alle Nationen für vier Tage in Städten und Gemeinden in ganz Deutschland willkommen geheißen. Die Athletinnen und Athleten lernen gemeinsam mit ihren Betreuern das Gastgeberland kennen, nutzen die Zeit zur Akklimatisierung und Wettbewerbsvorbereitung und treten in einen engen Austausch mit ihren Gastgebern. Das Thema Inklusion wird so sichtbar und schafft die Möglichkeit, dass sich die wichtigen Akteure im Bereich Inklusion vor Ort zu nachhaltigen Strukturen in den Städten und Gemeinden vernetzen. Von daher sind die Kommunen aufgerufen, sich an diesem Programm zu beteiligen und gute Gastgeber im Sinne des Inklusionsgedankens zu sein.

Uwe Lübking ist Mitglied der Arbeitsgruppe "170 Nationen - 170 inklusive Kommunen", in der u.a. auch Vertreter des Deutschen Städtetags und des Deutschen Landkreistags das Projekt mitgestalten. 



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