Editorial

.
.

Von Mark Solomeyer, Athletensprecher und Vizepräsident SOD

Die vergangenen Monate der Corona-Zeit waren für unsere Athletinnen und Athleten und überhaupt für Menschen mit geistiger Behinderung sehr schwierig. Einfach ist es immer noch nicht, auch wenn manches wieder möglich ist.

Vielen hat der Sport extrem gefehlt, das sagen ja auch die Athletinnen und Athleten hier im Newsletter. Und die Gemeinschaft mit den anderen. Jetzt hat für einige das Training, vor allem im Freien, wieder begonnen. Aber zum Beispiel bei uns in Rheinland-Pfalz gab es erstmal bis Ende August keinen Sport in den Werkstätten. Bei mir in der Werkstatt – Stiftung Scheuern – ist das immer noch so. Ich selbst fange jetzt wieder mit dem Badminton-Training an, aber ich trainiere ja auch in einem regulären Sportverein.

Da geht auch die Angst um vor einem eventuellen zweiten Lockdown. Dann können wir als Vereine zumachen, haben Vereinsvertreter zu Alfons Hörmann, dem DOSB-Präsident, in dieser Woche gesagt.

Das heißt auch für uns, wir wollen alles tun, um das zu verhindern und uns an die Hygiene- und Abstandsregeln halten. Ich muss sagen, das ist bei unseren Leuten mit Behinderung kein Thema, da hält sich jeder dran und man achtet auch gegenseitig drauf.

Es ist uns ganz wichtig, den Sport in den Einrichtungen wieder aufzunehmen, auch wenn das oft mit viel Aufwand verbunden ist!

Ein großes Problem in den ersten Monaten war, dass niemand arbeiten konnte, die Werkstätten waren ja auch lange geschlossen. Es ist unheimlich wichtig für Menschen mit Behinderung, dass sie arbeiten können, einen geregelten Tagesablauf haben, etwas schaffen und bei ihren Kollegen sind. Wir haben bei uns in der Werkstatt ziemlichen Aufwand betrieben und die Abstandsregeln umgesetzt. Es sitzen sich bei der Arbeit immer nur zwei Leute gegenüber, ebenso beim Essen – so haben wir es hinbekommen.

Am schlimmsten trifft es die Leute mit starker Beeinträchtigung. Manche können jetzt immer noch nicht arbeiten und verbleiben in ihren Wohngruppen oder zu Hause, weil sie zur Risikogruppe gehören. Angebote wie Sport gab oder gibt es nicht oder sie können sie nicht wahrnehmen. Und sie können nicht verstehen, warum das alles so ist.

Das ist vielen in der Gesellschaft sicher gar nicht bewusst, aber Menschen mit geistiger und schwerer Behinderung gehören zur COVID-19-Hochrisikogruppe. Und dadurch werden sie oft noch zusätzlich ausgegrenzt. Das muss viel mehr in der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden!

Noch ein Thema beschäftigt mich sehr. Ich habe es selbst erlebt, und es wurde mir auch von anderen berichtet. Als die Schule wieder losging, standen da Gruppen von Schülern, die uns zugerufen haben, sie müssten die Masken jetzt nur wegen uns tragen. Die ganzen Corona-Maßnahmen müssten sie nur machen, weil die Behinderten dran schuld sind!

Das war ja kein Einzelfall, und da hätte ich mir schon gewünscht, dass sich mehr Persönlichkeiten aus der Politik mal zu der ganzen Situation von Menschen mit Behinderung äußert. Ich finde es sehr schade, dass da in der ganzen Corona-Zeit recht wenig gekommen ist. Und umgekehrt könnte man uns ja auch mal mehr zu Wort kommen lassen. Warum nicht jemand aus einer Werkstatt mal in eine der großen Talkshows im TV holen?

Außerdem scheinen viele in der Gesellschaft zu denken, dass es jetzt mit Corona vorbei ist – Hauptsache feiern! Jetzt steigen die Zahlen wieder und ich habe Respekt davor, was jetzt mit den Herbstferien im Oktober wieder passiert! Wieder eine Woche reisen und feiern …? Das macht mich insgesamt schon sehr traurig.

Was positiv an der ganzen Zeit ist, dass man sich online austauschen kann und mit den digitalen Medien auch die Arbeit mit den Athletensprechern weiter machen kann. In allen Bereichen kommt das langsam voran, das freut mich doch ein kleines bisschen – auch, dass es jetzt mehr Laptops für Schüler und Lehrer geben soll, das finde ich richtig.

Aber bei uns haben wir noch lange nicht alle erreicht. Bei unserer digitalen Ausschuss-Sitzung konnten nicht alle mitmachen, Vanessa, unsere Bremer Athletensprecherin, war auch nicht dabei – das hat sie ja hier beschrieben. Dort muss man was machen, dass Menschen mit Behinderung Zugang haben können zu diesen Medien und dabei unterstützt werden. Das betrifft ja viele: Ältere, Leute auf dem Land, Schüler …

Was bei Special Olympics gut funktioniert, ist die Information über Corona und die Maßnahmen dazu. Es ist ganz wichtig, unsere Athletinnen und Athleten über die aktuelle Situation zu informieren und auch zu erklären, wie man sich verhalten soll. Am besten in Leichter Sprache. Da gibt es Informationen hier im Newsletter und wir haben ja auch unsere tolle Website Gesundheit Leicht verstehen. (www.gesundheit-leicht-verstehen.de)

Was ich mir wünsche: Dass wir bald unsere Gemeinschaft wieder haben, dass wir miteinander wieder unsere Veranstaltungen vorbereiten und von Athleten für Athleten da sind, dass wir uns diese Gemeinsamkeit erhalten.

Aber wir sind optimistisch, das liest man auch aus den Berichten hier im Newsletter raus. Wir sind alle einfach froh, wieder etwas zu tun, dass wir wieder rauskommen und nicht zu Hause sitzen. Wir sind die, die bei Veranstaltungen und Wettbewerben dabei sein wollen, die das Miteinander und den Spaß haben wollen! Und die einfach dazugehören und etwas beitragen wollen. Das ist das, was uns „Gemeinsam stark“ ausmacht!


© Special Olympics Deutschland e.V.   |   Website von Kombinat Berlin