30.03.2020 09:29 Uhr

Nachgefragt: Bei Holger Stolz, Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Niedersachsen

In unserer Serie #Nachgefragt lassen wir Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu Themen wie Sport, Inklusion und Special Olympics zu Wort kommen. Im Interview spricht Holger Stolz darüber, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen aber auch auf die gesamte Sozialwirtschaft haben kann und über sein Engagement als Kuratoriumsvorsitzender von Special Olympics Niedersachsen.

Holger Stolz, Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Niedersachsen

Holger Stolz, Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Niedersachsen und Kuratoriumsvorsitzender von Special Olympics Niedersachsen.

Durch die Corona-Krise werden Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen geschlossen und Angebote reduziert. Welche Auswirkungen gibt es konkret auf den Alltag der Menschen?
So eine Situation ist noch nie vorgekommen, die Erfahrungen sind ganz neu und die Auswirkungen sind vielfältig. Für Menschen mit Beeinträchtigungen ist sie besonders schwierig, da sie die Situation häufig nicht einschätzen und überblicken können. Es stellen sich für sie ganz konkrete Fragen wie: Welche (neuen) Regeln muss ich jetzt befolgen? Darf ich noch meine Wohnung verlassen? Zusätzlich fallen Beschäftigungsmöglichkeiten und Angebote weg, die ansonsten den Alltag strukturiert haben. Das alles ist eine immense Herausforderung für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Aber auch für diejenigen, die sie im Alltag unterstützen und Assistenz leisten, ist es schwierig, damit umzugehen. Sie leisten alle hervorragende Arbeit in dieser besonderen Situation.

Wie sieht diese Unterstützung konkret aus?
Beispielsweise in Wohneinrichtungen, wo die Menschen bei ihrer alltäglichen Lebensführung unterstützt werden, muss nun eine Begleitung rund um die Uhr gewährleistet sein. Denn eine feste Tagesstruktur mit Arbeit und Freizeitmöglichkeiten gibt es aktuell nicht. So eine flächendeckende Betreuung ist personell nicht vorgesehen, muss nun aber den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Zusätzlich gelten natürlich besondere Hygienemaßnahmen, es wird sehr sensibel hingeguckt, zumal viele Bewohner auch zur Hochrisikogruppe gehören. Das alles ist für das Personal eine besondere Herausforderung. Glücklicherweise konnten wir hier auf weitere personelle Ressourcen zurückgreifen, zum Beispiel auf Mitarbeiter aus Bereichen, die aktuell schließen mussten, wie Werkstätten, Kindergärten oder Tagesförderstätten. Diese Kolleginnen und Kollegen, die dort ihren Job machen, verdienen unseren höchsten Respekt und unseren Dank.

Welche psychologischen Auswirkungen kann die Krise auf Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen haben?
Viele haben Sorgen und Ängste zum Teil auch Existenzängste. Durch die Sozialen Medien kommen Fragen auf wie „Was heißt das für mich persönlich?“ oder „Kann ich selber daran schwer erkranken?“. Dies alles trägt jedenfalls zu einer Grundverunsicherung bei. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die positive Kraft, das Miteinander und die gegenseitige Hilfe auch ihren Teil dazu beiträgt, dass damit umgegangen werden kann.
Schwieriger ist es für Menschen, die allein leben. Dort sind Sorgen und Ängste sehr präsent. Es können auch psychische Krisen aufbrechen. Gerade für psychisch erkrankte Menschen ist eine besondere Zuwendung jetzt wichtig. Die Dienste und Einrichtungen machen da bereits eine Menge: Sie halten Kontakt, zum Beispiel über Skype und Telefon, aber auch wo nötig, im persönlichen Kontakt.

Warum ist es wichtig, dass Einrichtungen der Sozialwirtschaft – wie zum Beispiel die Lebenshilfe – unter den Rettungsschirm des Sozialschutzpaketes der Bundesregierung fallen?

Es ist durch einen gemeinsamen Kraftakt vieler Beteiligter gelungen, die Politik dafür zu sensibilisieren, dass auch die Sozialwirtschaft im milliardenschweren Schutzpaket der Bundesregierung mit bedacht wird. Wir gehen aktuell davon aus, dass die Sozialwirtschaft auch unter den Rettungsschirm kommt.
Wichtig ist, dass durch die Corona-Krise die sozialen Infrastrukturen in diesem Land nicht zerschlagen werden.

Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?
In vielen Bereichen besteht noch keine Klarheit: Bekommen die Einrichtungen und ihre Beschäftigten weiterhin ihr Geld oder sind die Dienste und Einrichtungen bald insolvent? Als Träger sind nur zweckgebundene Rücklagen möglich, diese sind allerdings sehr begrenzt. Die Träger brauchen jetzt schnell Sicherheit und Liquidität – möglichst einfache und unbürokratische Hilfen aus einer Hand.

Sie engagieren sich seit rund zwei Jahren ehrenamtlich für Special Olympics Niedersachsen (SO NDS) als Vorsitzender des Kuratoriums. Was sind hier Ihre Aufgaben?

Durch meine berufliche Tätigkeit als Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Niedersachsen ergeben sich vielfältige Formen der Zusammenarbeit mit SO NDS. Im Austausch mit den Kuratoriumsmitgliedern sind auch Zugänge und Kontakte zu vielen gesellschaftlichen Bereichen gegeben. Das Kuratorium setzt sich aktuell aus mehr als zwanzig Vertreterinnen und Vertretern der Bereiche Sport, Politik, Wirtschaft und Bildung zusammen. Wir als Kuratorium fördern und unterstützen die Arbeit von Special Olympics Niedersachsen.

Was ist Ihre Motivation für Ihr Engagement?

Special Olympics hat eine Botschaft, die weit über den Sport hinaus geht. Nämlich, dass Menschen mit und ohne Behinderung gleichwertige Teile der Gesellschaft sind. Für mich bietet Special Olympics eine Begegnungsmöglichkeit über den Sport hinaus – im Sinne einer inklusiven Gesellschaft. SO NDS ist dabei ein gutes Vorbild und eine starke Stimme für Menschen mit Beeinträchtigungen, die ein Recht auf allumfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Erleben haben.

Warum ist es wichtig, dass SO NDS auch mittelfristig durch das Land Niedersachsen gefördert wird?
Special Olympics hat ja besondere Strukturen. Diese sind anders als bei anderen Sportvereinen, denn für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ist es nicht so einfach leistbar, zum Beispiel einen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Die Förderung ist insofern wichtig, als dass das Land Niedersachsen hier auch einen Benefit hat: nämlich die Idee von inklusiven Sportangeboten deutlich auszubauen und in die Fläche zu transportieren.

2023 werden die Special Olympics World Games in Berlin stattfinden. Das größte SO Event, zu dem sich auch niedersächsische Athleten qualifizieren können. Wie kann ein solches Event die Inklusionsbewegung in Niedersachsen voranbringen?
Berlin hat eine immense Strahlkraft und die Weltspiele hier in Deutschland zu haben, ist nun wirklich etwas ganz Besonderes. Es wird eine Veranstaltung, die ihres gleichen sucht. Wir wollen unsere niedersächsischen Athletinnen und Athleten optimal darauf vorbereiten. Für Niedersachsen ist es auch wichtig, dass viele Aktivitäten rund um die World Games auch hier stattfinden. Wir möchten uns als weltoffenes Land präsentieren und ein guter Gastgeber für Athleten aus aller Welt sein.

Weitere Informationen:

Zum Kuratorium von SO NDS

Zur Lebenshilfe Niedersachsen


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