26.08.2020 13:09 Uhr

Nachgefragt: Bei Stefan Schwarz

Im Interview unserer Reihe #Nachgefragt stellt Stefan Schwarz, Global Clinical Advisor Special Olympics Lions Clubs International Opening Eyes®, das Gesundheitsprogramm "Opening Eyes – Besser sehen®“ von Special Olympics vor und berichtet über Erfolge und Herausforderungen.

Stefan Schwarz, Global Clinical Advisor Special Olympics Lions Clubs International Opening Eyes®, bei der Arbeit.

„Opening Eyes – Besser sehen®“ ist ein Programm, das sich speziell um die Verbesserung des Sehvermögens von Athlet*innen kümmert. Welche Angebote umfasst das Programm?
Jeder, der bereits einmal selbst eine Augenprüfung aus Patientenperspektive erlebt hat, weiß, wie konzentriert die einzelnen Fragen beantwortet werden müssen, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Das geht Menschen mit geistiger Behinderung ganz genauso. Allerdings kommt es darauf an, Teste zu verwenden, die leicht verständlich und trotzdem im Ergebnis eindeutig sind. Diese Teste haben wir und können damit einen genauen und trotzdem leicht verständlichen Testkatalog abarbeiten. Eine vertrauensvolle und zielgruppenorientierte Kommunikation ist das A und O beim „Opening Eyes – Besser sehen® Programm. Einige Athlet*innen haben keine allzu guten Erinnerungen an medizinische Untersuchungen aus der Vergangenheit und müssen für eine Kooperation zunächst angstfrei sein und motiviert werden. Wenn dies gelingt, und das ist zum Glück die Regel, ist eine gute Zusammenarbeit möglich. Häufig werden dann Sehfehler aufgedeckt, die bislang unerkannt waren und die Athlet*innen in ihrer Lebensqualität und Leistungsfähigkeit beim Sport, in der Schule und bei der Arbeit beeinträchtigt haben. Neben der Augenprüfung zur Verbesserung der Sehfähigkeit werden Siebteste zur Augengesundheit durchgeführt, die Hinweise auf das Vorliegen von behandlungsbedürftigen Augenkrankheiten geben. Diese Form der Früherkennung hilft, eine rechtzeitige Behandlung und die Erhaltung der Sehfähigkeit zu ermöglichen.

Dank großzügiger Unterstützung durch globale Partnerschaften mit den Firmen Essilor (Brillengläser) und Safilo (Brillenfassungen) können wir den Athlet*innen bei Bedarf im Anschluss an die Augenprüfung eine kostenlose neue Sehhilfe anfertigen. Die finanzielle und aktive Unterstützung durch unseren globalen Partner Lions Clubs International ermöglicht es uns, weitere Kosten für z.B. den Versand der Brillen an die Athleten zu decken und studentische Helfer zu den Veranstaltungen einzuladen.

Sie engagieren sich als bundesweiter Clinical Director im Healthy Ahtletes® Programm „Opening Eyes – Besser sehen®“ von Special Olympics? Was sind hier Ihre Aufgaben?

Ich kümmere mich um die Planung und Durchführung der Vor-Ort-Veranstaltungen in Deutschland. Dazu gehört die Abstimmung mit den Kolleg*innen, die in den jeweiligen Regionen die Augenprüfungen leiten. Außerdem ist es Teil der Aufgabe, die Vorgespräche mit den regionalen SO-Programmen zu führen, um das Gesundheitsangebot mit höchstmöglicher Effizienz zeitlich, räumlich und in Vorabankündigungen für Athleten, Coaches und Familien erreichbar zu machen sowie die Abstimmung mit Unterstützern und Sponsoren, die uns vor Ort behilflich sind. Eine große Herausforderung ist es jedes Mal aufs Neue viele Fachkräfte mit einzubinden. Zum Glück haben wir aus der Vergangenheit schon ein gutes Kernteam mit kompetenten Mitstreiter*innen, die wir ansprechen können.

Welche Ziele sollen durch eine Verbesserung des Sehvermögens bei Athlet*innen erreicht werden?
Als unmittelbares Ziel soll den Athlet*innen sofort durch eine neue Brille oder Sportbrille geholfen werden. Außerdem verfolgen wir auch den Ansatz, bei den teilnehmenden Studierenden und Fachhelfer*innen Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung abzubauen und mittelfristig auf diese Weise ein bundesweites Betreuungsnetzwerk für alle Menschen mit geistiger Behinderung zu errichten. Mehrere Hochschulen in Deutschland haben Teile der fachlichen Inhalte des „Opening Eyes – Besser sehen®“ Programmes in ihre Lehrpläne übernommen. Der Systemwandel kann durch Entscheidungsträger aus Politik, Lehre und Sozialverbänden angestoßen, unterstützt und begleitet werden. Hierfür werden Menschen aus diesen Bereichen regelmäßig zu den Veranstaltungen eingeladen, um über den Bedarf und die möglichen Lösungen ins Gespräch zu kommen.

Gibt es Unterschiede bei der Behandlung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen? Wenn ja, welche sind das? Können Sie ein Beispiel geben?
Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen können nur dann aktiv mit in Untersuchungen eingebunden werden, wenn es gelingt, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen und eine angepasste Kommunikation zu führen, die wertschätzend, zugewandt und eindeutig ist.  Die aktive Einbindung ist beim Augenprogramm sehr wichtig, da wir letztlich trotz vieler objektiver Messungen, die auch ohne Zutun der Prüflinge Ergebnisse liefern, die Endbeurteilung immer in Abstimmung mit den Patient*innen vornehmen müssen. Die angebotenen Sehzeichen zur Sehschärfeprüfung müssen erkennbar und lesbar sein. Wenn jemand Schriftzeichen aus einem anderen Sprachraum nicht entziffern kann, ist das nicht gleichbedeutend mit einer reduzierten Sehschärfe. In der Vergangenheit wurden z.B. falsche Ergebnisse mit Farbtesten gemessen, wenn nicht geeignete Testverfahren benutzt wurden, deshalb ist die Verwendung geeigneter Teste sowohl für die aktuelle Beurteilung als auch für die Verlaufsbewertung von großer Bedeutung.

Welchen gesamtgesellschaftlichen Beitrag kann Special Olympics durch das Programm „Healthy Athletes®“ für die Gesundheitsvorsorge von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen leisten?
In einer perfekten Welt ist die angemessene Behandlung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen die Regel und nicht die Ausnahme. Von dieser Idealvorstellung sind wir zur Zeit noch weit entfernt. Eine angemessene Aufklärung der Betroffenen in leichter Sprache wurde bereits erarbeitet und über Special Olympics Deutschland zur Verfügung gestellt. Solche Projekte müssen unterstützt und fortgeführt werden. Aktuelle Informationen wie z.B. zu COVID müssen angeboten werden. Die Ausbildung der Fachkräfte im Gesundheitsbereich muss verbessert und höhere Aufwände müssen angemessen honoriert werden. „Healthy Athletes®“ kann hier exemplarisch wirken und Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit Defizite der bisherigen Situation deutlich machen. Behandeln oder Teile der Aufgaben des Gesundheitssystems übernehmen, kann „Healthy Athletes®“ aber nicht. Da sind die Politik, Kostenträger und die Fach- und Berufsverbände gefragt.

Würden Sie sagen, dass Menschen mit einer geistigen und/oder Mehrfachbehinderung im Gesundheitswesen benachteiligt werden? Wenn ja, wie äußert sich das?
Die Frage kann eindeutig mit „Ja“ beantwortet werden. Unser Gesundheitssystem ist ausgelegt auf die Bedürfnisse von Menschen ohne geistige Behinderung und bietet sowohl was die Ausbildung als auch die Verfahrensweise angeht wenig patientengerechte Spielräume, wenn ein Betroffener nicht mit den Mainstreammethoden untersucht und behandelt werden kann. Diese Situation ist in zahlreichen Veröffentlichungen dokumentiert. Eine besonders deutliche Aussage enthält eine Studie aus Großbritannien, die zu dem Schluss kommt, dass Menschen mit geistiger Behinderung im Durchschnitt 16 Jahre früher sterben als Nichtbehinderte. Ursächlich sind dabei nicht etwa behinderungsbedingte Begleiterkrankungen, sondern funktionelle Defizite des Gesundheitssystems, die behoben werden müssen.

Sie sind ebenfalls Kuratoriumsmitglied bei Special Olympics Niedersachsen. Wie können hier die Sport- und Gesundheitsangebote von Special Olympics die Gesundheitsprävention die Inklusion in Niedersachsen voranbringen?
Ich würde mich freuen, wenn es gelänge, die Verbindungen der Kuratoriumsmitglieder so zu nutzen, dass der Landesverband gestärkt wird und regelmäßige Aktivitäten auf Basis einer finanziell guten Ausstattung stattfinden können. Die anstehenden Aufgaben und Systemänderungen zur Verwirklichung der Inklusionsziele sind nur mit einem Marathon und nicht mit einem Sprint zu erreichen.

Weitere Informationen:

Opening Eyes – Besser sehen®


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