29.04.2021 10:33 Uhr

Nachgefragt: Bei Tenniskoordinatorin Julia Brandenburg

In unserer Serie #Nachgefragt haben wir Julia Brandenburg, Tenniskoordinatorin bei SO NDS, interviewt. Was sie zu Special Olympics, der inklusiven Sportszene und der Auswirkung der Pandemie auf Menschen mit geistiger Behinderung sagt, lesen Sie hier.

Julia Bandenburg, Tenniskoordinatorin SO NDS

Im März dieses Jahres hast Du die ehrenamtliche Koordination für die Sportart Tennis bei Special Olympics Niedersachsen (SO NDS) übernommen. Was hat Dich zu dem ehrenamtlichen Engagement motiviert?
Ausschlaggebend war für mich das Gespräch mit Claus Majolk (Anm. d. Redaktion: Koordinator Tennis bei Special Olympics Rheinland-Pfalz) muss ich zugeben. Tennis war bei SO NDS noch nicht ausreichend vorangebracht. Der erste Schritt war also die Gründung der Tennis-AG für Niedersachsen zusammen mit dem Tennisverband Niedersachsen-Bremen. Ich bin hauptberufliche Tennistrainerin. Als ich gefragt wurde, ob ich die Koordination übernehme, wollte ich mir erstmal einen Überblick verschaffen, was alles zu tun ist. Ich habe dann bestimmt zwei Stunden mit Claus telefoniert. Danach konnte ich mir das Amt gut vorstellen. Ich sehe mich jetzt auch als Verbindung zwischen dem Tennisverband Niedersachsen-Bremen und SO NDS. Beim Tennisverband bin ich im Activity-Team, d.h. wir haben Einsätze vor Ort in den Vereinen um die Vereine inklusiver zu gestalten. Jetzt ist das natürlich die perfekte Kombination aus Eurem Netzwerk von Special Olympics und unserem know-how im Tennis. Das war ausschlaggebend für mich um die Koordinationsstelle ehrenamtlich zu begleiten.

Du bist generell nicht neu im inklusiven Sport. Was reizt Dich an der Thematik?
Ich habe Menschen mit Behinderung in der Familie und ich studiere seit 2018 Soziale Arbeit. Ich spiele seit 30 Jahren Tennis und hatte vor Beginn meines Studiums keinen Bezug zum inklusiven Tennis. Es ist im Tennis noch nicht ganz angekommen, dass Menschen auch mit dem Rollstuhl, Sehbeeinträchtigung oder einer geistigen Beeinträchtigung auch Tennis spielen können. Das ist bei mir aus meinem Studium und meiner hauptamtlichen Trainertätigkeit gewachsen. Ich habe mir gedacht, so kann man den Sport inklusiver gestalten und Vielfalt ins Tennis bringen - deswegen der Schwerpunkt.

Also kam zuerst das Studium der Sozialen Arbeit und dann der inklusive Sport?
Ja, das ist daraus entstanden. Aber auch daraus, dass ich auch in der Verwandtschaft sehe, dass die Menschen mit Behinderungen zu wenig sportliche Möglichkeiten haben. Nicht nur auf Tennis bezogen. Der Bezug zu Sport ist in den Werkstätten und in den Wohnheimen zu wenig vorhanden. Darüber ist das entstanden.

Was ist dein Plan nach dem Studium? Möchtest Du im Bereich des inklusiven Sports bleiben?
Ja, ich arbeite während der Bachelorarbeit in den Master übergehend an einem Konzept, wie man durch den Sport mehr Vielfalt bringen kann.

Warum ist eine Organisation wie SO NDS für die niedersächsische Sportlandschaft wichtig?
Ja, das ist eine gute Frage. Es gibt schon so viele Verbände. Es gibt den Behindertensportverband, es gibt den Behindertenverband an sich, es gibt die Kreissport- und Stadtsportbünde. Dann gibt es den Tennisverband usw. Jede einzelne Sportart hat ihre Verbände. Ich finde da könnte es eine engere Zusammenarbeit geben. Jeder Verband hat sein eigenes know-how, jeder hat so seine Fachgebiete und sobald die Zusammenarbeit enger wird gibt es tolle Ergebnisse. Deswegen auch die Tennis-AG. Es ist toll, dass es nun diesen Zusammenschluss gibt. Wir profitieren gegenseitig vom know-how und vom Netzwerk der anderen. Eine Organisation wie Special Olympics, hat Fachkenntnisse über Menschen mit geistiger Behinderung und gibt die dann in die Verbände weiter. Das ist sehr wichtig. Grundsatz eins ist immer: Machen. Wenn es Interessierte mit Behinderungen gibt dann bietet Trainings für die Menschen an und bring sie in die Vereine. Es ist aber auch wichtig für die Trainerinnen und Trainer zu wissen, was hinter der jeweiligen Behinderung steht und was für Besonderheiten für das Training daraus entstehen können. Also das Fachliche auf der einen Seite und das Machen und Umsetzen auf der anderen Seite finde ich aus Verbandssicht so wichtig. Dass wir gegenseitig voneinander profitieren können.

Wie schätzt Du den aktuellen Stand der Inklusion ein? Wo muss angesetzt werden, was muss geändert werden?
Ja, das ist die Frage aller Fragen. Inklusion ist für alle sozial benachteiligte Menschen. Da haben wir in Deutschland aufholbedarf. Alleine die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer:innen wird oftmals nicht bedacht.  Da fängt es schon an.

Aber auch bei dem Denken der Menschen und dem Denken der Vereine und Funktionäre ist noch viel zu tun. In vielen Vereinen können Rollstuhl-Tennisspieler:innen nicht auf die Toilette gehen – das wird einfach oft noch nicht bedacht. Das Thema kommt so langsam und es wird normaler barrierefrei zu denken und zu bauen aber das Thema benötigt noch viel Arbeit und Aufmerksamkeit. Da will ich auch mit den Kindern und Jugendlichen hin. Dass die Kinder einfach inklusiver lernen, sowohl in der Schule als auch im Sport. Da fängt es schon an. Es muss in die Gesellschaft implementiert sein, dass alle Kinder gemeinsam lernen. Sozial benachteiligte Kinder gemeinsam mit allen anderen. Da fängt Vielfalt ja an – das muss ganz normal werden.

Denkst Du Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung sind in Deutschland von sozialer Benachteiligung betroffen?
Definitiv, ja. Ich sehe das auch bei einem Familienmitglied. Er lebt etwas weiter von uns weg im Wohnheim. Immer wenn ich in der Nähe bin fahre ich vorbei und sehe, dass die Leute dort schon zu einem gewissen Grad ausgegrenzt sind. Sie wohnen in Wohngruppen mit Menschen mit Behinderung und arbeiten in Werkstätten mit Menschen mit Behinderung. Sie sind immer in ihrem Team unterwegs. Sie fahren in ihrer Gruppe in den Urlaub und in ihrer Gruppe auf Ausflüge.  Wo sollen da auch die Kontakte herkommen? Sie sind immer exkludiert und zu wenig in die Gesellschaft inkludiert. Ich höre das auch oft von Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung, die sagen, dass es da noch einen großen Bedarf gibt. Dieses gesellschaftliche Miteinander ist leider noch nicht selbstverständlich. Sport und Kultur bieten da die Möglichkeit Berührungspunkte zu schaffen.

Was für Auswirkungen hat die COVID-19-Pandemie auf die Inklusion in Deutschland?
In größten Teilen eine negative Auswirkung. Ich habe bei der Lebenshilfe kurz hospitiert und habe dort gesehen, dass da die Menschen mit geistiger Behinderung schon aus ihrem normalen Alltag rausgenommen wurden, da sie einfach nicht mehr so arbeiten konnten, wie sie es gewohnt waren. Die Einen waren eine Woche in der Werkstatt und eine Woche zuhause – die Anderen einen Tag in der Werkstatt und einen Tag Zuhause. Es waren ganz unterschiedliche Rythmen. Das hat natürlich auch zu einem Mehraufwand für das Personal geführt. Das Positive in der Situation war, dass die Stadt Bremen Gelder zur Verfügung gestellt hat um Alltagsbegleiter:innen einstellen zu können, die den Alltag der Bewohner:innen verschönen.

In den Werkstätten gibt es Fachbereiche. Die Mitarbeiter:innen haben sich den Arbeitsbereich vorher nach persönlichen Präferenzen und Fähigkeiten ausgesucht. Um Kontakte weiter zu reduzieren arbeiten die Menschen nun mit den anderen aus ihren Wohngruppen in einem Fachbereich zusammen, die sie im Alltag sowieso sehen. Das heißt, dass viele Menschen jetzt einer Arbeit nachgehen müssen, die ihnen nicht liegt oder keinen Spaß macht. Jetzt wird das also noch so negativ bestärkt. Je nach Inzidenz dürfen die Menschen nicht alleine rausgehen, sie sind weiter auf ihr Zimmer beschränkt, sie können nicht arbeiten wie sie möchten, sie dürfen keinen Besuch bekommen und ihre Familie nicht besuchen. Es ist eine riesige Einschränkung für Menschen mit Behinderung. Sie sind noch ausgegrenzter als vorher.

Was wünschst Du dir bezogen auf die Inklusion für die Zukunft in Deutschland?
Dass alle offener werden für Vielfalt: Die Institutionen, die Menschen und die Gesellschaft. Wir können so viel voneinander lernen. Viele stellen sich über die Menschen mit Behinderung. Statt mit ihnen zu arbeiten ist es ganz oft ein belehren oder helfen. Aber es sollte ein Miteinander sein. Wir können unglaublich viel von Menschen mit Behinderung lernen. Viel mehr Offenheit für Vielfalt – das ist, was ich mir wünsche.

Website von Julia Brandenburg

 

Weitere Interviews aus der Reihe #Nachgefragt finden Sie hier:

Belit Onay, Oberbürgermeister de Stadt Hannover

Boris Pistorius, Niedersächsischer Minister für Inneres und Sport

Dunja Kreiser, sportpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen

Reinhard Rawe, Vorstandsvorsitzender LandesSportBund Niedersachsen e.V


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