18.05.2021 10:15 Uhr

Nachgefragt: Bei Hannover 96 Fußballprofi Hendrik Weydandt

Für unsere Serie #Nachgefragt haben wir mit Hendrik Weydandt, Fußballer bei Hannover 96, gesprochen. Das Interview ist im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit Studierenden der Hochschule Hannover entstanden.

LarsKalettaPictures. Hannover 96 Profi Hendrik Weydandt

Was hältst du von der Idee, die Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung im Sport voranzutreiben?

Ich finde das ist eine super Sache. Ich denke, dass das ein Bereich ist, der ähnlich wie viele andere Geschichten, beispielsweise Rassismus im Sport oder Trennung von Männern und Frauen im Sport, ganz wichtig ist. Ich denke, dass es an der Zeit ist, dass solche Themen abschließend besprochen werden. In unserer heutigen Gesellschaft ist es nichts Besonderes mehr, wenn man sich darum kümmert, sondern es ist normal. Das Normalste der Welt. Deswegen finde ich es großartig.  Ich stehe komplett hinter dieser Bewegung und bin gespannt welche Möglichkeiten es gibt und wie es sich in Zukunft entwickeln wird. 

 

Welches Potenzial siehst du im Sport Inklusion voranzutreiben? Im Bezug auf Vereine oder auch Special Olympics. Kann der Sport helfen?

Ja, auf jeden Fall! Das Gute beim Sport ist, jeder spricht die gleiche Sprache. Das ist etwas, was Menschen verbindet. Gerade zusammen Erfolg zu haben oder generell gemeinsam Sport zu treiben. Wo ich den Flaschenhals sehe, ist der Spagat zwischen Hobbysport und Leistungssport. Der muss definiert werden, das muss in eine Beurteilung miteinfließen. Da muss man zwei verschiedene Modelle entwickeln. Das man ganz klar sagt, dass es keine Rolle spielt. Beispielsweise in kleineren Sportvereinen oder in Schulen in AGs. Da muss ganz klar die Inklusion an erster Stelle stehen und nicht ein eventueller Verlust an sportlicher Leistung. Vielleicht muss man ganz klar nach außen hintragen, dass es das Normalste der Welt ist. Ich denke, da gibt es viele Möglichkeiten. Freiheit für alle, sage ich mal. Da ist großes Potenzial da und es spielt auch keine Rolle, welche Sportart es am Ende ist. Ob es Tennis oder Fußball ist oder Handball oder eine Randsportart, das spielt keine Rolle.

 

Kommst du in deinem Alltag mit dem Thema Inklusion in Berührung?

Ich habe einen sehr guten Freund, der einen Bruder mit einer körperlichen und geistigen Behinderung hat. Bei dem habe ich extrem mitbekommen, was das für das Leben bedeutet. Was das auch für die Eltern und für die Betreuer:innen bedeutet. Wie letzten Endes damit umgegangen wird. Da ist der Begriff Inklusion meiner Meinung nach zu hundert Prozent passiert. Wo ich im Nachhinein, wenn ich darüber nachdenke, extrem glücklich bin. Er ist grundsätzlich nicht eigenständig lebensfähig und hat durch unsere Gesellschaft die Möglichkeit bekommen, alleine in einer WG zu wohnen mit anderen Kindern mit einer geistigen Behinderung. Natürlich mit Betreuern die drum herum sind. Über allem steht aber das selbstständige Wohnen. Als er noch minderjährig war, war das undenkbar. Das zeigt mir, wenn man sich mit diesen Geschichten beschäftigt und man wirklich drüber nachdenkt, was möglich sein könnte, kann man vieles erreichen, von dem man nicht ausgeht, dass es so schnell machbar ist. Inklusion ist, finde ich, ein schönes Wort, weil es das Gleichstellen aller Personen bedeutet, und genau das sollte es sein! Ich kriege das häufig mit. Wir haben durch 96 einige soziale Projekte begleitet, wo man Geschichten von Einzelpersonen hört und sich damit auseinandersetzt. Das ist für mich immer eine schöne Sache, weil man sieht wie tough Menschen mit geistiger Behinderung damit umgehen und das Beste daraus machen. Das ist für mich ein Zeichen, es gibt viele, die es hart getroffen hat, die aber stärker sind, weil sie aus den schwierigen Bedingungen das Beste machen. Ich hatte in meinem Heimatverein auch jemanden mit einer geistigen Behinderung. Ich war circa 12 oder 13. Da ging es auch darum, ob er mitspielen darf. Es hat keine Rolle gespielt, ob wir jetzt ein hohes Trainingsniveau haben. Es ging darum zu zeigen, dass es möglich ist und kein Problem darstellt. Er hat dann mehrere Wochen bei uns mitgespielt und alle haben es verstanden, wenn er eine Pause brauchte oder Dinge anders gesehen hat. Ich denke, das war für viele ein Moment, wo man aufgewacht ist. Das ist jetzt schon etwas her und es ist schon einiges passiert, deswegen glaube ich und hoffe ich, dass es vielleicht in zehn Jahren kein großes Thema mehr für uns sein muss. 

 

Meinst du, dass das Thema Inklusion in unserer Gesellschaft gut funktioniert oder gibt es da noch Verbesserungspotenzial?

Man sieht ja durch die Paralympics, dass eine internationale Plattform geschaffen wird, um im Leistungssport gleiche Bedingungen und Voraussetzungen zu schaffen. Aber ohne eine Ausgrenzung. Den Spagat meinte ich eben. Das man ganz klar unterscheidet. Diese Trennung muss man auch kritisch beäugen, aber auf der anderen Seite, ist es ein Leistungssport und du hast durch eine körperliche Behinderung ein Hemmnis. Für mich ist es im Leistungssport eine andere Sache und ich glaube viele sehen das ähnlich. Wenn du dann runter schaust auf den Amateursport, so wie wir es nennen, da sollte dieser Leistungswille runtergeschraubt werden und eine Inklusion möglich sein. Eine geistige Behinderung macht dich ja nicht automatisch schlechter.

Generell kann ich die Frage gar nicht richtig beantworten, weil ich dann vielleicht doch zu wenig in dem Thema drinstecke. Ich kriege das hauptsächlich durch meinen Verein mit. Ich weiß, dass wir uns als großer Fußballverein viel damit beschäftigen und ich gehe stark davon aus, dass sich sämtliche andere 36 Proficlubs in Deutschland auch damit auseinandersetzen. Das heißt für mich, diese Vereine werden ihrer Vorbildfunktion gerecht und legen einen Schwerpunkt auf dieses Thema. Und das ist für mich ein schönes Zeichen. Somit würde ich diese Frage bejahen, es funktioniert gut. In diesem Bereich, Profisport Fußball, läuft das gut und ich kann mir vorstellen, dass das im Handball, Tennis oder Basketball ähnlich sein wird. Dementsprechend glaube ich, dass das Thema seit mehreren Jahren oben auf der Liste steht und da auch schon viel passiert ist.

 

Hast du ein Lieblingsrezept? eine Sportlermahlzeit?

Mein Lieblingsrezept würde ich keinem Athleten empfehlen. Aber tatsächlich habe ich des Öfteren ein Rezept nachgekocht, was ich irgendwann mal im Internet gefunden habe und das ist ein Ananas-Hähnchen-Curry mit Reis. 

 

Eine Frage zur Motivation. Was treibt dich persönlich an? Hast du etwas was du dir vor Augen hältst, vor allem auch in schwierigen Situationen oder wenn du vor Herausforderungen stehst?

Ich versuche mich mal kurz zu halten. Meine Profikarriere ist ja nicht so abgelaufen wie bei den meisten anderen. Ich war nicht in einem Hochleistungszentrum, wurde mit 14 gescoutet und nach und nach an die Profikarriere herangeführt, sondern ich bin tatsächlich durch Zufall und durch Glück erst mit 22 in die Schiene gerutscht. Ich bin aus Barsinghausen und dann hier in Hannover in die U21 gewechselt und dann mit 22 beziehungsweise 23 in den Profibereich gekommen. Dementsprechend hatte ich keine Jugend, die geprägt war durch ich muss, ich habe dieses Ziel und ich habe noch so viel Zeit und muss das jetzt erreichen. Man kann sagen, ich hatte deutlich weniger Druck, deutlich weniger Stress, weil ich nicht dieses Ziel hatte, das ich unbedingt erreichen musste. Mir wurde nichts von außen vorgegeben. Und es ist nun mal so, es herrscht eine Leistungsgesellschaft und letzten Endes fallen die hinten runter, die es nicht packen. So funktioniert das Geschäft. Aber ich konnte einen anderen Weg gehen, der für mich enorm wichtig war. Motivation im Fußball ist für mich ganz klar Leidenschaft. Das hat nichts mit Geld zu tun, nichts mit Prestige, sondern ich habe gekickt, weil ich Bock darauf habe. Das war in meiner Jugend so und das ist auch heute noch so. Ich bin parallel gerade dabei mein Studium abzuschließen, ich bin gerade im Master und weiß, sobald Fußball nichts mehr für mich ist, weil es zu nervig wird oder weil es für mich zu abstrakt wird, weil diese Welt ja manchmal auch ganz komisch ist, weiß ich, dass ich ein zweites Standbein habe und weiß, dass ich kein Problem damit hätte zu sagen, dass ich keinen Spaß mehr habe. Das ist für mich sehr wichtig und die treibende Kraft ist, dass ich morgens aufstehe und Bock darauf habe. Man sagt das immer so schön, man soll Bock auf seinen Job haben. Aber ich denke als Profisportler ist es ja einfacher zu sagen, klar habe ich Lust auf Fußball und kriege auch noch Geld dafür, klar mache ich. Aber es hängt auch viel anderes mit da dran. Gerade die Welt in der Presse, die Medienlandschaft kann schon sehr hart sein, gerade in schwächeren Phasen für den Verein oder in schwächeren Phasen persönlich. Dann kann das schon mal auf einen einprasseln. Da muss man sich selbst dann schon vor Augen führen, warum machst du das eigentlich. Mir ist diese Lust am Fußball aber nie abhandengekommen und ich denke, das passiert auch in den nächsten Jahren nicht und wenn es soweit ist, weiß ich, meine Motivation, warum ich es mache, ist weg und deswegen werde ich es dann auch lassen. Und wenn ich mal eine schlechte Phase habe, habe ich mein Umfeld hier, dadurch dass ich in meiner Heimat spiele. Meine Familie, Großfamilie bis hin zu meinem ganzen Freundeskreis, die einen ablenken, wenn es mal nötig ist. Die einen auf andere Gedanken bringen, die einem gut zu sprechen. 

Grundsätzlich komme ich als Person mit Kritik gut klar, ich kann damit umgehen. Das ist, denke ich mal wichtig, weil man an diesen Sachen auch kaputt gehen kann. Da muss ich sagen, da hilft mir mein Umfeld und der Fakt, dass ich in der Nähe von meinen sozialen Kontakten bin. Das ist etwas was ich jedem wünsche, aber bei vielen nicht der Fall ist, weil sie durch die Welt reisen, um Leistungssport auszuüben. Auf der anderen Seite, wenn es geht, tut es! Es ist das Beste der Welt. 

 

Also sagst du, dass deine Leidenschaft dich motiviert?

Ja, auf jeden Fall und ich sag auch, dass es letzten Endes genau deswegen dazu gekommen ist, dass ich die Chance auf Profifußball hatte. Ich deswegen eine gewisse Leistung zeigen konnte, weil ich Bock drauf hatte. Sonst wäre ich mit 22 da nicht mehr reingerutscht und hätte auch nicht die Bereitschaft gehabt mich anzupassen, mich weiterzuentwickeln. deswegen ist das für mich das A und O. 

 

Hast du ein Motivationsspruch für unsere Athleten von SONDS? Die man sich vor allem auch in diesen schwierigen Zeiten, wo einiges wegfällt, ins Gedächtnis rufen kann?

Ja, da kommen wir wieder zu dem Punkt. Es ist ein ganz klares Privileg, dass wir gerade noch Sport machen können, wir als Profisportler. Es fällt aber für einen großen Teil leider weg. Das kann ich mir gerade nicht wirklich vorstellen, wie es ist, aber es muss sehr hart sein, weil Sport auch einfach ein Ventil ist, ein Ventil für alles Mögliche. Dementsprechend kann ich nachvollziehen, dass das extrem unzufrieden macht. Da kann man grundsätzlich, bezogen auf die Pandemie, nur darauf hoffen, dass es besser wird. Viel daran ändern können wir als Einzelperson nicht. Dementsprechend muss man da geduldig und hoffnungsvoll bleiben. Auf der anderen Seite, was jetzt auch gerade die Athleten von Special Olympics angeht, will ich hier keine großen Reden schwingen. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Frage: ist die Gesellschaft dafür bereit, dass sie mich so aufnimmt wie ich bin, sicherlich mal bei dem ein oder anderen im Kopf aufkommt. Da kann ich euch als jemand der viel im Sport unterwegs ist sagen, dass ich euch versichern kann, dass dieses Thema sehr ernsthaft und verantwortungsbewusst behandelt wird. Gerade auch bei den Verantwortlichen und dementsprechend glaube ich, dass die Möglichkeiten der Inklusion auf jeden Fall gegeben sind und es durchgezogen wird, bis es vollbracht ist. Das als Motivation von mir, ich denke, da sollte man dran glauben. Ich bin fest davon überzeugt, dass das funktionieren kann und hoffe auch, dass es so kommt. 


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