25.02.2021 09:27 Uhr

Online-Karnevalsparty ein voller Erfolg

Am Freitag, 12. Februar 2021, fand unsere bundesweite Online-Karnevalsparty statt. Über 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer feierten gemeinsam Karneval. Tanzlehrerin Annka Westbrock von Funky e.V. sorgte gemeinsam mit den Auftritten von Marvin Holl und Zauberer Florian Steinborn sowie den Gastauftritten u.a. von Matze Knop, den Paveiern oder auch den Räubern für jede Menge gute Stimmung.

Glückliche und verkleidete Gesichter bei unser Karnevalsparty

Judith Keßeler, Volontärin in einer Hamburger Online-Redaktion und an der Akademie für Publizistik, hat eine Reportage über unsere Karnevalsparty geschrieben:

Karneval gegen den Corona-Frust

Athlet*innen mit Behinderung fehlen in der Corona-Zeit nicht nur der Sport, sondern auch die sozialen Kontakte. Special Olympics schafft digitale Alternativen und feiert Deutschlands größte inklusive Karnevalsparty.

Von Judith Keßeler

„Ein Stern, der deinen Namen trägt, hoch am Himmelszelt, den schenk ich dir heut Nacht“. Die Musik läuft schon. Es ist Freitagabend, 18 Uhr. Stefanie Wiegel, die von allen Steffi genannt wird, ist als Hippie verkleidet. Sie trägt ein bunt gemustertes Oberteil und ein passendes Band in den Haaren. Im Hintergrund blinkt Discolicht, das Zimmer ist mit Luftschlangen dekoriert. Die 29-Jährige mit Down-Syndrom ist Athletensprecherin von Special Olympics Nordrhein-Westfalen. „Ich bin der Kopf der Bande im Athletenrat“, sagt sie und grinst. „Ich unterstütze die Athleten, wenn sie Probleme haben und setze mich für sie ein.“

Die Tanzlehrerin von Europas größtem inklusiven Tanzensemble Funky e. V., Annka Westbrock, erscheint in einer violetten Glitzerweste auf dem Bildschirm. „Arme hoch, in die Kamera zeigen und jetzt winken!“ In 280 Zoom-Fenstern wird mitgetanzt. Egal ob am Küchentisch der Wohngruppe, mit der Familie im Wohnzimmer oder am Schreibtisch. Im Stehen wie im Sitzen, Arme in die Luft, wer kann – Hauptsache heute haben alle Spaß und tanzen sich den Corona-Frust von der Seele. Jedes Zoom-Fenster scheint eine eigene kleine Disco zu sein. Alle zusammen ergeben die größte inklusive Online-Karnevalsparty Deutschlands.

Menschen mit Behinderung trifft Corona besonders hart

Special Olympics ist die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung. In den deutschen Landesverbänden trainieren über 40.000 Athlet*innen in 26 Sportarten. Häufig sind die Sportler*innen ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen und haben weniger soziale Kontakte als andere. Viele leben in Wohngruppen oder anderen Einrichtungen mit einem sehrgeregelten monotonen Alltag. Für sie ist der Sport ein zentrales Element in ihrem Leben und die damit verbundenen Begegnungen sind besonders wertvoll.

Jeder fünfte volljährige Mensch in Deutschland lebt mit einer Beeinträchtigung. Knapp 40 Prozent von ihnen fühlen sich oft einsam. Zum Vergleich: Bei Menschen ohne Beeinträchtigung sind es 15,8 Prozent, das zeigt der Teilhabebericht des deutschen Paritätischen Gesamtverbands. In Pandemie-Zeiten ist es für viele Menschen mit Behinderung noch schwieriger, soziale Kontakte zu pflegen, denn sie gehören häufig zur Risikogruppe. Eine Studie des American College of Physicians zeigt, dass zum Beispiel Menschen mit Down-Syndrom ein zehnfach höheres Sterberisiko infolge einer COVID-19-Infektion haben. Zur ersten Prioritätengruppe für die Corona-Impfung gehören sie aber
nicht.

Das Quatschen nach dem Sport fehlt

Auch Stefanie Wiegel fühlt sich in der Corona-Zeit manchmal allein. Normalerweise hat die Sportlerin jeden Dienstag Inliner-Training, im Winter fährt sie Snowboard. Beides ist aktuell nicht möglich. Hauptberuflich arbeitet sie in der Küche einer Behinderten-Werkstatt. Als ihr Arbeitgeber letzten Mai nach einer mehrmonatigen Corona-Pause fragte, wer gerne wieder arbeiten würde, meldete sich Wiegel sofort. „Die ganze Zeit zuhause zu sein, war nicht so meins“, sagt sie. Die Athletensprecherin hat das Glück, während der Pandemie gemeinsam mit ihren Eltern viel Sport treiben zu können. „Wir waren fast jeden Tag Laufen oder Inliner fahren“, erzählt sie.

Seit Beginn der Corona-Pandemie bietet Special Olympics einige Online-Sportkurse an. Nicolai Herrmann vom Landesverband Nordrhein-Westfalen koordiniert einen Fitness-Kurs. Dort merkt man deutlich, dass den Teilnehmer*innen nicht nur der Sport selbst, sondern auch die lockeren Gespräche nach dem Training sehr wichtig sind. „Auch wenn es manchmal gar nicht viel ist, ich habe den Eindruck, es geht darum, einfach mal zu fragen: Wie geht’s dir? Was macht die Arbeit?“, sagt Herrmann. Auch die digitale Karnevalsparty, für die sich 700 Teilnehmer*innen aus Deutschland, Österreich und Luxemburg angemeldet haben, hat der 32-Jährige mit organisiert.

Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt

„Welches Lied kommt wohl als nächstes?“, fragt Tanzlehrerin Westbrock, die sich in der Pause umgezogen hat und nun einen kurzen schwarzen Rock und eine silberne Glitzerjacke trägt. Das Chat-Symbol hört gar nicht mehr auf zu blinken, so viele Songideen werden gesendet. „Da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt und hat mit seinem Schwanz die Fliege abgewehrt.“ Westbrock und die beiden Tänzer im Hintergrund, ebenfalls in silbernen Glitzerwesten, geben zu dem neuen Song die Bewegungen vor.

Jedes kleine Bild auf der Party erzählt eine Geschichte. Da ist eine mit silbernem Lametta und Regenbogenflagge dekorierte Küche, in der vier junge Frauen vor dem Kühlschrank tanzen. Daneben ein Mann, der mit roter Clownsnase vor einem Bücherregal sitzt, das bis unter die Zimmerdecke reicht. In einem Fenster schminkt sich jemand noch schnell das Schlumpf-Gesicht blau nach, während die Kinder daneben so wild tanzen, dass man sie nur verschwommen erkennt.

Es gibt 1.000 Gründe zu feiern

Bei Special Olympics wird oft gemeinsam getanzt. Zu jeder großen Veranstaltung gehört eine abschließende Athlet*innendisco. Special Olympics Mitarbeiter Nicolai Herrmann war schon oft dabei: „Am Anfang muss es sich immer so ein bisschen eingrooven und hinterher ist das einfach nur noch ...“, er überlegt kurz, „... schwer zu beschreiben. Polonaise an Polonaise, gute Stimmung, gute Laune und sehr intensiv.“ Diese intensiven Emotionen sind auch heute trotz der Distanz spürbar. Gute Laune und ein Wir-Gefühl können definitiv über die Internetleitung übertragen werden.

Mit dem Karnevals-Klassiker „So ein schöner Tag“ fordert Tanzlehrerin Westbrock gegen 19:30 Uhr zum letzten Tanz auf. In den Zoom-Fenstern lauter glückliche Gesichter. Im Chat schreiben die Teilnehmer*innen: „Vielen Dank, dass ihr uns in Pandemie-Zeiten so einen schönen Abend beschert habt“, „Danke, ihr habt uns den Karneval nach Hause gebracht“ und „Unbedingt weiter machen!!!Es gibt 1.000 Gründe zu feiern!!“ Athletensprecherin Wiegel verabschiedet sich mit den Worten „Supertoll gerne noch mal. Viele Grüße Steffi.“ Zum Abschluss spielt die Musik dann doch noch ein wenig länger als geplant. Es ziehen zahlreiche Mini-Polonaisen durch das Bild, einige Partygäste haben sich untergehakt und schunkeln, andere tanzen unermüdlich weiter.

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