Zum Inhalt springen

05.07.2024

Beitrag: Mit Sicherheit ein gutes Gefühl

Special Olympics Deutschland hat das Konzept „Safeguarding & Awareness“ für die Fanzonen der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Berlin mit erarbeitet und setzt es um.

Christin und Renée sind an ihren grünen Westen auf der Fußball-Fanzone am Berliner Reichstag schon von weitem aus gut zu erkennen. Die beiden laufen über das Areal, schauen sich um und beobachten das Geschehen. Sie gucken, ob sich alle Besucherinnen und Besucher wohlfühlen, die Fußball-Atmosphäre genießen können oder ob sich brenzlige Situationen anbahnen.

Einen besonderen Blick richten sie auf die Toiletten-Anlagen, weil es „da immer mal wieder Probleme gibt“. Wenn sie das Gefühl haben, irgendetwas stimmt nicht, dann informieren sie ihr Team und versuchen zu helfen. Die grünen Westen sind eine Einladung, sie anzusprechen.

Zum Team „Safeguarding & Awareness“ der Host City Berlin gehören 80 Leute, die auf den Fanzonen am Reichstag und am Brandenburger Tor sowie an den Fan-Treffpunkten am Olympischen Platz, am Breitscheidplatz und am Hammarskjöldplatz abwechselnd im Einsatz sind. Es sind Frauen, Männer und diverse Personen.

Special Olympics Deutschland (SOD) hat in Kooperation mit dem Land Berlin ein Konzept entwickelt, die Umsetzung geplant und das Personal ausgewählt. Ausschlaggebend dafür waren die sehr guten Erfahrungen, die SOD mit einem entsprechenden Konzept bei den Special Olympics World Games im Juni 2023 in Berlin und bei den Nationalen Winterspielen Anfang 2024 in Thüringen sammeln konnte.

Lenne Steinbeck war bereits im Sommer 2023 bei den Weltspielen im Konfliktmanagement tätig und ist jetzt Koordinatorin „Safeguarding & Awareness“ bei der Fußball-Europameisterschaft. Gemeinsam mit Thomas Schmidt, der für die Aufgabe bei den SOD Winterspielen in Thüringen verantwortlich war, sowie weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern von Beratungsstellen, dem Berliner Senat und dem Awareness-Team von Hertha BSC haben sie den aktuellen Einsatz vorbereitet.

„Alles in allem hatten wir drei Monate Zeit, das Konzept zu erstellen, das  Personal auszuwählen und zu schulen. Das war schon eine Herausforderung. Aber ich freue mich total, dass es unsere Aufgabe bei der Euro 2024 gibt“, sagt Lenne Steinbeck. „In meinem Team sind Psycholog*innen, Therapeut*innen, Ärzt*innen, Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Beratungsstellen“, erklärt sie weiter. Viele brächten auch Erfahrungen aus der Berliner Club-Szene mit. Das sei für den Umgang mit Fußballfans ganz hilfreich.

Auf Christin und Renée trifft das ebenfalls zu. Sie sind immer wieder in der Club-Szene unterwegs, helfen dort, wenn sich Leute nicht wohlfühlen. Beide finden es interessant, nun bei einer Sportveranstaltung mit dabei zu sein. Sie  haben viel Freude bei ihrer Arbeit. Selbst wenn es manchmal belastend sei, sagen sie.

Denn die Arbeit in den Fanzonen am Reichstag und am Brandenburger Tor ist sehr fordernd. Die Areale sind an den Fußball-Spieltagen meistens voll, es ist oft heiß, sehr laut und unübersichtlich. Außerdem verstärkt der Alkohol das Aggressionspotenzial einiger Fans. Da heißt es dann, einen kühlen Kopf bewahren und umsichtig sein.

„Wenn es auf den Fanzonen voll ist, dann gibt es eine ganze Reihe Vorkommnisse“, sagt Lenne Steinbeck. Dazu gehöre sexualisierte Gewalt. Frauen müssten sich dumme Sprüche anhören oder würden gegen ihren Willen berührt. „Manche Männer gehen sogar auf Frauentoiletten und machen dort Videos“, sagt die Koordinatorin. Es gäbe aber genauso queerfeindliche oder homophobe Kränkungen und selbst tätliche Angriffe. Manche Fußballfans seien schon mit rassistischen Parolen und rechten Symbolen auf den Fan-Tribünen aufgefallen. „Wenn unseren Teams so etwas berichtet wird oder wir das selbst beobachten, dann handeln wir“, erklärt Lenne Steinbeck.

Handeln heißt helfen. Das kann ein vertrauliches Gespräch sein mit der  Person, die sich angegriffen fühlt oder gekränkt wurde. Das kann das Vermitteln von Hilfsangeboten für eine weitere psychologische Betreuung sein. Bei schweren Problemen werden der Rettungsdienst informiert, die Security oder die Polizei eingeschaltet, die sich dann weiter kümmern und auch Anzeigen aufnehmen.

Lenne Steinbeck sieht die Aufgabe ihrer Teams aber besonders in der Prävention. „Wir möchten, dass sich hier alle mit ihren Bedürfnissen wohlfühlen. Deshalb versuchen wir auch, alle Besucher*innen für die Gleichberechtigung der Geschlechter beim Fußball und für möglichen Rassismus zu sensibilisieren“, sagt die Koordinatorin. Dazu gibt es auf den Fanzonen am Reichstag und Brandenburger Tor auch noch jederweils eine so genannte Anlaufstelle.

Am Reichstag ist es ein blauer Container und in der Nähe des Brandenburger Tores ist es ein weißes Zelt, die beide während der Öffnungszeiten der Fanzonen besetzt sind. Dort können sich alle  Besucherinnen und Besucher beraten lassen.

Wer ganz schnell Hilfe benötigt, findet an mehreren Stellen auf den Fanzonen grüne Plakate mit der Aufschrift „BRAUCHST DU ODER JEMAND ANDERS HILFE?“ in Deutsch und Englisch. Darauf ist ein QR-Code. Wenn der gescannt wird, dann geht in den Anlaufstellen eine Info der Hilfesuchenden ein. Außerdem wird der Ort angezeigt, damit sich ein Team ganz schnell dorthin begeben kann.

Christin und Renée sind sehr zufrieden mit ihrer Arbeit auf den Fanzonen. „Wir vermitteln Sicherheit und bekommen dafür viel positives Feedback“, sagt Christin. „Selten werden wir auch mal belächelt. Aber das zeigt uns dann, wie wichtig unsere Arbeit ist.“ Renèe nickt und lächelt zustimmend.

Das Land Berlin ist „sehr zufrieden“, wie gut das Angebot „Safeguarding & Awareness“ auf den Fanzonen angenommen wird.  „Berlin hat das Thema ,Safeguarding & Awareness’ sehr ernst genommen. Wir haben innerhalb unserer Nachhaltigkeitsoffensive mehr gemacht, als wir hätten machen müssen. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung von Special Olympics Deutschland, die eine sehr gute Vorlage geliefert und bereits gezeigt haben, wie es funktionieren kann. Der Fußball ist nun Nutznießer der erfolgreichen Arbeit von SOD“, sagt Host-City-Sprecherin Gabriele Papenburg.

Text: Hartmut Augustin


Großes Foto: Koordinatorin „Safeguardig & Awareness“ für die Host City Berlin EURO 2024, Lenne Steinbeck (l), zusammen mit ihren Kolleginnen Renée und Christin; Special Olympics Deutschland / Hartmut Augustin